SEITE  WISSENSCHAFT > DER STAMMBAUM DES MENSCHEN

  <  zurück

Der Stammbaum des Menschen

Der Mensch im Gefüge der Natur - Unsere Stellung in der biologischen Systematik

Der Mensch ist offensichtlich ein biologisches Lebewesen. Er ist ohne die Stammesgeschichte des Lebendigen weder denk- noch erklärbar, er hat sich evolutiv aus dieser Stammesgeschichte heraus entwickelt

und ist tief in ihr verwurzelt. Viele, die eine solche naturwissenschaftliche Sichtweise nicht teilen oder aber geringschätzen (oftmals Geisteswissenschaftler), verkennen, daß es eben gerade bedeutende Naturwissenschaftler waren, die aus ihrer Kenntnis der physikalischen, chemischen und biologischen Vielfalt im Kosmos  -  und insbesondere auf der Erde  -  eine ontologische "Schichtung" des Seienden

postuliert haben: Das jeweilige System einer bestimmten evolutionären Hierarchiestufe ist mehr als die Summe seiner Teile. Sie treffen sich hier mit dem Philosophen Nicolai Hartmann, der darüber in

seinem Werk "Der Aufbau der realen Welt" geschrieben hat. Der Mediziner und Zoologe Konrad Lorenz, einer der Begründer der Humanethologie sowie Impulsgeber der "Evolutionären Erkennistheorie", dazu:

 

 "Die Aussage, daß Lebensvorgänge chemisch-physikalisches Geschehen seien, ist vollkommen richtig. Was könnten sie denn anderes sein, zumal für den Wissenschaftler, der sich radikal weigert, an

Wunder zu glauben? Dagegen ist die Aussage 'Lebensvorgänge sind eigentlich nichts anderes als chemisch-physikalische Vorgänge' eindeutig falsch. Gerade hinsichtlich dessen, was für die Lebensvorgänge

wesentlich und ihnen allein zu eigen ist, unterscheiden sie sich von anderen chemisch-physikalischen Vorgängen. Noch deutlicher wird die irreführende Wirkung des ontologischen Reduktionismus, wenn ich

zwei andere Aussagen in einen Vergleich setze, der einen noch größeren Wertunterschied überspannt: 'Der Mensch ist ein Säugetier aus der Ordnung der Primaten' ist ebenso offensichtlich richtig wie

die Aussage, der Mensch sei 'eigentlich nichts anderes als ein solches', offensichtlich falsch ist. Julian Huxley hat für solche Fehler die wunderbare Bezeichnung 'nothing-else-buttery' geprägt."

Konrad Lorenz, Der Abbau des Menschlichen

©

Betrachten wir vor diesem Hintergrund den Stammbaum des Menschen, beginnend vor etwa 4 Milliarden Jahren und (nach unten) fortschreitend in der Zeit bis zum heutigen Tage.

Man beachte die anschließenden Erläuterungen.

Wie erwähnt: Die Graphik zeigt den Stammbaum des Lebendigen von "oben nach unten", beginnend mit der einfachsten zur Selbsterhaltung und Selbstreplikation

fähigen materiellen Struktur, also dem ersten Zündfunken des im Laufe der Zeit ständig komplexer werdenden Lebensprozesses auf der Erde. Vor wenigen Jahrzehnten

war es durchgängige Regel, eine derartige Evolutionsabfolge jedoch anders herum zu visualisieren. Ein Fachmann, der Paläontologe Alan Charig, schilderte im Jahr 1979

die entsprechende Vorgehensweise:

"Ein richtiger Stammbaum, der die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb einer Familie beim Menschen zeigt, wird gewöhnlich mit der ältesten Generation oben und

der jüngsten ganz unten dargestellt. Umgekehrt ist es bei einem Stammbaum des Tierreiches als ganzem oder eines Teiles davon (siehe Abbildung P ...). Er wird

vereinbarungsgemäß so dargestellt, daß die Zeit auf einem vertikalen Maßstab, nach oben kürzer werdend, eingetragen wird. Das hat zwei Vorteile. Erstens: Die

fossilen Tiere werden in derselben relativen Abfolge - die ältesten ganz unten, die jüngsten oben - wie die geologischen Strata, in denen sie gefunden wurden,

dargestellt. Zweitens: Wie ein richtiger Baum hat der 'Stammbaum' einen Stamm unten, der oben in Äste aufzweigt. Zwar ist es etwas ungewöhnlich, daß alle

Äste entweder gerade oder schief nach oben wachsen und die Enden der Zweige auf gleicher horizontaler Ebene, der Jetztzeit, liegen. Diese Enden repräsentieren

tatsächlich Arten, die heute leben. Die Enden der Zweige tiefer unten, die zu verschiedenen Zeiten in der Vergangenheit aufgehört haben zu wachsen, stellen

Arten dar, die nachkommenlos ausstarben. Wie man jedoch weiß, sind nicht alle erloschenen Arten auf diese Weise ausgestorben. Einige wandelten sich im Laufe

der Zeit in neue Arten um. Obwohl jene Arten einmal lebten und damals an den wachsenden Enden der Zweige des Evolutions-Stammbaumes zu finden waren,

sind die betreffenden Arten heute weit unten an den Zweigen angeordnet. Denn seitdem sind diese Zweige weit nach oben getrieben.'

Alan Charig, Dinosaurier - Rätselhafte Riesen der Urzeit

©

Warum habe ich aber den Stammbaum des Lebens auf meiner Graphik  -  am Anfang der Seite  -, anders als die von Alan Charig soeben geschilderte Vorgehensweise

es nahelegt, mit dem Ursprung des Lebendigen ganz oben und nicht unten beginnen lassen?

 

Nun: Weil auf diese Weise die Zu- und Einordnung der einzelnen taxonomischen Kategorien (mit ihren jeweils zugehörigen Gruppen von Lebensformen) unter die entsprechend

höherrangigen Kategorien klarer wird. Die Graphik liest sich also wie ein Organigramm, in dem die höchsten  -  vorrangigen  -  Ebenen ja auch in der obersten Reihe stehen

und ihre Unterordnungen (Unterabteilungen), jeweils hierarchisch nach Rang gestaffelt, darunter. Es wird somit mit einem kurzen Blick auf die Graphik beispielsweise deutlich,

daß der Mensch der Gattung "Homo" zugehört, die dem Tribus "Hominini" untergeordnet ist, welches seinerseits in die Unterfamilie "Homininae" eingegliedert wird, die wiederum

der Familie "Hominidae" zugehört und so weiter.

 

Diese Schichten bilden nun einen von Stufe zu Stufe  -  nach oben  -  immer umfassenderen zeitlichen, evolutionären Verwandtschaftszusammenhang ab.

 

In den vergangenen Jahrzehnten ermöglichten immer fortschrittlicher werdende Methoden der Molekularbiologie und der DNA-Analyse fortwährend genauere Zuordnungen in

stammesgeschichtlich verwandschaftssystematische Verhältnisse und evolutionäre Gegebenheiten. Dennoch bleiben unterschiedliche Möglichkeiten der Konstruktion von Klassifikationen.

 

Wie der Paläontologe erläutert, sind mehrere praktische Gründe gegeben, warum alle Arten von Lebewesen, ähnlich wie beispielsweise Münzen oder Briefmarken in einer Sammlung  -

oder wie unterschiedliche Medien in einer Bibliothek  -  erfaßt, verzeichnet, kategorisiert und katalogisiert werden müssen. Man stellt ja nicht wahllos hunderttausende CDs, DVDs,

Bücher und Zeitschriften, so wie sie einem gerade in die Hände fallen, wahllos in die Regale oder legt sie durcheinandergewürfelt in zufällig herumstehende Kartons. Und im Bereich

des Lebendigen gibt es mehrere Millionen heutzutage existierende, sogenannte "rezente" und noch viel mehr früher existiert habende, nunmehr jedoch ausgestorbene Spezies. (Als

biologische "Art", "Spezies" bzw. lateinisch "Species", ist definiert eine natürliche Fortpflanzungsgemeinschaft.) Was also die verschiedenen Arten von Lebewesen betrifft:

"Zugegeben, man kann sie sehr einfach in der alphabetischen Reihenfolge ihrer Namen katalogisieren. Oder sie können auf numerische Weise, mit Hilfe von Daten, die mit der

ersten Namensgebung verbunden sind, erfaßt werden. Doch würden solche Verzeichnisse, wenn sie auch für bestimmte Zwecke nützlich sind, nichts über die Arten selbst und

ihre Verwandtschaft zu anderen Arten aussagen können. Da dies aber außerordentlich wichtig ist (zoologische Studien befassen sich öfters mit ganzen Gruppen als mit einzelnen

isolierten Formen), erweist es sich als zweckmäßiger, die Arten nach ihren Merkmalen zu klassifizieren.  Dieses System entspricht etwa jenem, welches in einer Bibliothek

verwendet wird, wo Bücher nach ihrem Sachinhalt geordnet und aufbewahrt werden. Zum Beispiel könnten alle Geschichtsbücher in einem gesonderten Raum aufbewahrt werden.

Alle Bücher über griechische, römische, europäische, englische, amerikanische Geschichte und so weiter würden in diesem Raum in eigenen Regalen stehen. Und jedes Fach innerhalb

eines Regals würde für Bücher eines bestimmten Zeitabschnitts reserviert sein. In einer Bibliothek können jedoch die Bücher nach sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten geordnet

sein, nicht nur in einer 'richtigen' Art. Welche Anordnung man wählt, hängt davon ab, wie geeignet diese ist und ob sie einem zusagt. So gut man auch ordnet, von Zeit zu Zeit

werden sich Probleme ergeben: Einige Bücher können mit gleicher Berechtigung sowohl in das eine als auch in das andere Fach, vielleicht auch in mehrere Fächer gestellt werden,

oder sie können sogar in verschiedenen Räumen aufbewahrt werden.

 

Ebenso gibt es zahllose verschiedene Methoden, mit denen Tierarten aufgrund gemeinsamer Merkmale eingeteilt, also klassifiziert werden können. Alle Klassifikationen sind

subjektiv. Am zweckmäßigsten ist es jedoch, die Arten nach ihren Verwandtschaftsbeziehungen in bezug zur Evolution zu klassifizieren, wobei man sich auf die objektive

Phylogenie oder den Stammbaum, in den die Arten eingeordnet werden, stützen kann. In der Tat sind sich auch alle Zoologen darüber einig, daß sich die angewandte

Klassifikationsmethode unbedingt nach dem Verzweigungsmuster des Evolutions-Stammbaums orientieren sollte, um die Aufzweigung tatsächlich aufzeigen zu können <...>."

Alan Charig, Dinosaurier - Rätselhafte Riesen der Urzeit

Seit Beginn der wissenschaftlichen Biologie hat man also versucht, ein sinnvolles System aufzustellen, das die Lebewesen in eine ordnungsmäßige und nachvollziehbare Hierarchie

eingliedert. (Es gab allerdings auch schon vor den wissenschaftlichen Bestrebungen andere, nämlich philosophische, die lebendige Welt zu erklären, z. B. von Aristoteles.) In einem

grundlegenden, heute schon klassischen Fachbuch, von einem der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Biologie, Chemie und Geowissenschaften verfaßt, das sich mit den

Gesetzmäßigkeiten der Evolution und der Entfaltung des Lebens von der Urzeit bis zur Gegenwart befaßt  -  insbesondere mit der Wissenschaft vom Leben in den früheren Epochen

der Erdgeschichte, also der Paläontologie  -, lesen wir:

"System (zoologisches, botanisches): Hierarchisches System von Kategorien abgestufter Wertigkeit

(Einheiten in aufsteigender Ordnung: Art-Gattung-Familie-Ordnung-Klasse-Stamm-Reich),

in welches die rezenten und fossilen Lebewesen eingeordnet werden und das eine Übersicht

über die Lebewelt und deren Untergliederung gewährleistet. (Als Bewertungsgrundlage

der Einstufung der Lebewesen in die verschiedenen Kategorien dient der Grad

der morphologischen Übereinstimmung.)"

Heinrich K. Erben - Die Entwicklung der Lebewesen

©

"Der Grad der morphologischen Übereinstimmung": Vereinfacht gesagt, versteht man darunter die äußerlich sofort  -  oder auch mit Hilfe weiterer, beispielsweise mikroskopischer

Untersuchung  -  ins Auge fallende FORM. Unter Morphologie versteht man "die erklärende und Zusammenhänge <...> deutende Beschreibung der Form und Gestalt von Lebewesen

und ihren Organen." Um das obige Beispiel mit der Bibliothek noch einmal zu bemühen: Es ist, als würde man die Medien nach ihrer Form, ihrem Aussehen, ihrer technischen Eigenart,

Machart und Funktionsweise sortieren: In einer bestimmten Abteilung stehen alle Medien aus Papier  -  wie Bücher und Zeitschriften; in einer anderen Abteilung alle Magnetbänder

(wie etwa Audio- und Videokassetten); in einer dritten alle Datenträger wie CDs und DVDs; in einer vierten alle Schallplatten usw. So kann man selbstverständlich vorgehen  -  man

muß sich ja für ein bestimmtes System entscheiden. (Klarerweise hinkt auch dieses Beispiel mit der Bibliothek im Zusammenhang mit der biologischen Systematik, wie meistens

alle Beispiele hinken: Es soll ja hier auch nur ein bestimmtes Prinzip verdeutlich werden). Professor Erben erläutert dazu:

"Die Evolution manifestiert sich in Stammbäumen, und es ist das tägliche Brot des Biologen  -  und erst recht des Palöobiologen  -, diese zu rekonstruieren. Beide tun das

wie eh und je mit Hilfe der Vergleichenden Morphologie. Bei dieser Methode werden Gestaltmerkmale einander nahestehender Organismengruppen verglichen, wobei

der Grad der Ähnlichkeit Aufschluß geben soll über das Ausmaß der stammesgeschichtlichen Verwandtschaft und damit über die Position innerhalb des Stammbaumes:

Als 'primitiv' erkannte und als 'fortgeschritten' interpretierte Merkmale werden dabei gegeneinander abgewogen."

Heinrich K. Erben - Die Entwicklung der Lebewesen

Entscheidend ist nun, daß in jüngerer Zeit, insbesondere bedingt durch neu gewonnene wissenschaftliche Erkenntnisse und aktuell entwickelte, ausgefeilte technische (auf der

Molekularbiologie, namentlich der Genetik beruhende) Verfahren, eine grundlegend neue Richtung hinsichtlich der biologischen Klassifikationsmethode eingeschlagen wurde:

"Nun hat sich daneben eine neue, auf einem eigenen Gedankengebäude und auf neu festgelegten Auflagen beruhende Methodik eingestellt, die mindestens eine knappe

Erörterung erfordert. Es ist dies die '(Konsequent-)Phylogenetische Systematik', vulgo die 'Kladistik', oder kurz gesagt, das 'Hennigsche Prinzip'. Von dem deutschen

Zoologen Willi Hennig 1950 entwickelt, fand sie kaum Beachtung, bis sie 1966 aufgrund einer englischen Übersetzung in den USA bekannt wurde. Aus den USA zu uns

zurückgekehrt, erregte sie - wie könnte es auch anders sein - jezt doch Aufmerksamkeit; seit etwa zehn Jahren nimmt die Zahl ihrer Anhänger auch bei uns allmählich zu."

Heinrich K. Erben - Die Entwicklung der Lebewesen

"Seit etwa zehn Jahren": Professor Erben hat dies im Jahr 1987 geschrieben. Heute, über dreißig Jahre später, hat sich die Hennig'sche Methode etabliert. ("Phylogenetische

Systematik" heißt übrigens übersetzt: Auf der Stammesgeschichte beruhende Systematik; die Phylogenese ist die stammesgeschichtliche, evolutive Entwicklung von vielen

Lebewesen über längere Zeiträume hinweg  -  Gegensatz ist die Ontogenese oder Ontogenie, unter welchem Begriff man den Entwicklungsgang eines einzelnen Lebewesens,

 eines Individuums also, von dessen Entstehung durch Zellteilung  -  oder durch die Verschmelzung von Keimzellen  -  bis hin zu seinem Ende, dem Tod, versteht.) Ein

gegenwartsnahes Fachbuch faßt die Entwicklung und den heutigen Stand der biologischen Systematik wie folgt zusammen:

"Das älteste Mittel <der> Rekonstruktion der Stammesgeschichte ist die Auswertung von Fossilien, meist Skelettbestandteilen, seltener ganzen versteinerten oder in Bernstein

eingeschlossenen Organismen, deren Alter mit unterschiedlichen Mitteln, beispielsweise anhand ihres Auftretens in bestimmten Gesteinsschichten oder mithilfe radiometrischer

Messungen bestimmt wird. Gleichzeitig werden Hypothesen über die relative Lage des Merkmals im Gesamtorganismus und über seine Funktion erstellt, und bei einer genügenden

Anzahl von Funden lässt sich daraus eine evolutive Entwicklungslinie rekonstruieren.

 

Ein zweites Mittel, das seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mehr und mehr zum Einsatz kommt, ist die phylogenetische oder kladistische Methode, die in den

fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von dem deutsche Biologen Willi Hennig entwickelt wurde. Sie versucht, aus dem Vergleich von Merkmalen der heute lebenden

Organismen ihre Verwandtschaftsverhältnisse zu rekonstruieren. Dies ist besonders dann wichtig, wenn es - wie im Falle von Nervensystemen, die nicht 'versteinern', keine oder

keine verlässlichen fossilen Merkmale gibt, die man vergleichen könnte. Benutzt werden Daten zu morphologischen, aber auch physiologischen und genetischen Merkmalen. Bei

der kladistischen Methode geht es um die Frage, ob ein Merkmal einen ursprünglichen (plesiomorphen) Zustand oder einen abgeleiteten (apomorphen) Zustand darstellt. Ziel

ist es, ein Verwandtschaftsschema oder Kladogramm zu erstellen, das nur aus monophyletischen, das heißt über einen gemeinsamen Vorfahren direkt miteinander verwandten

Tiergruppen besteht."

Gerhard Roth - Wie einzigartig ist der Mensch?

©

"...über einen gemeinsamen Vorfahren direkt miteinander verwandten Tiergruppen...": Bemühen wir im folgenden noch einmal unser Exempel von der Bibliothek. Die kladistische

Methode, wenngleich sie sich auch morphologischer Kriterien bedient  -  wie dies die alte Methodik fast ausschließlich getan hat  -  legt also den Schwerpunkt auf aus unmittelbarer

Verwandtschaft hergeleiteter systematischer Einordnung. Die Verwandtschaft wird dabei ganz wesentlich über molekularbiologische (genetische) Untersuchungen an heutzutage

existierenden Lebensformen festgestellt  -  DNA-Analyse und Abgleich der Ergebnisse behelfs Genbibliotheken  -  und in die Vergangenheit rekonstruiert. Das würde nun also in

unserem oben verwendeten Beispiel mit einer Bibliotheks-Systematik in etwa bedeuten:

 

Zunächst hat ein Autor ein Buch geschrieben. Danach wurde dieses Buch in Form eines "Hörbuches", einer Audiodatei, herausgegeben, das aber noch zusätzliche Kommentare

seitens des Autors enthält - beispielsweise, warum er dieses Buch verfaßt habe und wie sehr er über das Ausmaß des Erfolges überrascht sei. Schließlich wird das Werk  -  vielleicht

für Kinder  -  in Form eines Comics überarbeitet und umgestaltet und als eigenständiges graphisches Erzeugnis, beruhend aber auf dem ursprünglichen Buch, veröffentlicht.

Nunmehr, der Erfolg und die Nachfrage sind wirklich sehr groß, erscheint eine zweite, erweiterte und wesentlich überarbeitete Auflage des Werkes. Dann, ein Jahr später, wird es

verfilmt. Da die Verfilmung ebenfalls sehr erfolgreich ist, schreibt der Autor Fortsetzungen des Buches, zunächst einen zweiten, letztendlich einen dritten und vierten Band.

Diese werden schließlich ebenfalls zusätzlich als Audiodateien (Hörbücher) und Comics veröffentlicht, hinterher verfilmt. Das komplette Werk, nennen wir es "Harry Schlotter",

bekommt nun ALS GANZES in der Bibliothek einen zusammenhängenden Stellplatz, eine Regalwand. Es stehen somit ALLE "Harry Schlotter"-Erzeugnisse gemeinsam neben-

bzw. untereinander, ganz egal, ob es sich etwa um Bücher, Comic-Hefte, Audiobänder, CDs oder Film-DVDs handelt: Die einzelnen Exemplare sind jedoch im Erscheinungsbild

des Ganzen untereinander wiederum chronologisch geordnet  -  zunächst steht also der erste Band als Buch, dann als Heft, Audiodatei, Film usw. in der Reihe, anschließend

folgt der zweite Band als Buch, dann als Heft, Audiodatei, Film: Das ist, bildlich gesprochen, die kladistische Methode.

 

In der biologischen Systematik bedeutet sie unter anderem, daß in der graphischen Darstellung der Verwandtschaftverhältnisse, in einem Kladogramm, sich jede Ursprungsform

nur in ZWEI phylogenetisch (zeitlich) folgende Abkömmlinge aufspalten darf, wobei die (ursprüngliche) Stammart bei der Gabelung der Linien in einem Kladogramm erlischt:

sie hat sich ja in zwei neue Formen weiterentwickelt. Die Länge der Linien in der Graphik gibt den zeitlichen Abstand der unterschiedlichen Entwicklungsphasen an.

 

In meinem obenstehenden "Organigramm" alles Lebendigen habe ich dies weitgehend berücksichtigt, jedoch hier und da auch noch Rücksicht auf althergebrachte Gewohnheiten

genommen. So hat die Länge der Linien in meiner Graphik keine Bedeutung hinsichtlich der tatsächlichen zeitlichen Entwicklungsverhältnisse. Ich werde eine Visualisierung der

zeitlich-evolutionären Abfolge der Entwicklung zum Menschen auf der nächsten Seite präsentieren.

 

Wie sehr die althergebrachten Methodiken und Betrachtungsweisen über die Einordung der Lebewesen durch die kladistische Methode überrollt wurden, warum beispielsweise

über den seit etwa zweieinhalb Jahrhunderten als höchste systematische Kategorien betrachteten "Reichen" des Lebendigen (Carl von Linné, 1735) jetzt auch noch sogenannte

"Domänen" eingeführt wurden, schauen wir uns auf der folgenden Seite an:

 

"Vögel sind Dinosaurier und Menschen eigentlich Forellen".

Fortsetzung folgt...

©    2018  A. Heidel - heidel2001.eu