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Einführung in die Astronomie / Teil 1

Über Sterndeuterei - und über die wahre Wissenschaft vom Weltall

 

 

"In einer Zeit, in der so häufig über Weltraumfahrten gesprochen wird, wächst das Interesse an den Sternen,

welche die Funktion von Leuchttürmen bei der Einsteuerung automatischer Sonden in ihre Flugbahn erfüllen.

Bei solchen Anlässen lesen wir dann in der Tages- oder Fachpresse fremdartige Namen von Sternen und Sternbildern.

Nachdem man "Mariner 4" in den Weltraum gestartet hatte, wurde nach sechzehnstündigem Flug auf der

geozentrischen Umlaufbahn das Orientierungsmanöver durchgeführt. Anfangs erfaßte der Sternsensor der Sonde

das Gestirn Markab im Sternbild Pegasus und kurz danach den sehr hellen Stern Aldebaran im Sternbild Stier.

Da jedoch beide Sterne nicht für die Navigation der Sonde im interplanetaren Raum vorgesehen waren,

sendete man an "Mariner 4" das Kommando, den Stern Canopus im Sternbild Carina (Schiffskiel)

in der südlichen Himmelssphäre zu erfassen. Das glückte ihr, und die Sonde flog zuverlässig zum Planeten Mars.

 

"In der ganzen Sache liegt ein Anachronismus: Im Zusammenhang mit den hochmodernen technischen Errungenschaften

werden uralte Namen von Gestirnen und Sternbildern genannt. Die Bezeichnungen der Sterne stammen aus Zeiten, da in Arabien und Persien die Naturwissenschaften blühten und unter ihnen die Astrognosie - die Kenntnis vom Sternenhimmel. Dagegen gehen die Bezeichnungen der Sternbilder auf griechische und römische Ursprünge zurück..."

 

Taschenatlas der Sternbilder (Josef Klepesta et. al.), Jahr 1973

Es folgt schließlich die letzte Graphik auf dieser Seite, zugleich die ausführlichste: Sie zeigt, quasi "millimetergenau", die Stellung relativ von Sternbildern und Tierkreiszeichen zueinander.

Die dicke gelbe Linie ist die Ekliptik, im mittleren und unteren Abschnitt der Illustration zu jeweils späteren Zeitabschnitten während eines Jahres. Auf der Ekliptik bewegt sich am Erdhimmel

im Laufe von 12 Monaten die (gelb gezeichnete) Sonnenscheibe unseres heutigen Zeitalters. (Als Zeitalter charakterisiert man diejenige chronologische Spanne, in welcher der Frühlingspunkt

während vieler Jahrhunderte oder Jahrtausende in einem ganz bestimmten Sternbild positioniert ist. Das heißt beispielsweise: Vom Jahr 60 vor Christus bis zum Jahr 2610 nach Christus hielt

bzw. hält sich die Sonne zum Frühlingsbeginn eines Jahres im Sternbild Fische auf. Jedes Zeitalter umfaßt eine unterschiedliche Dauer, denn die Sternbilder weisen  -  im Gegensatz zu den nur

ideell bestimmten Tierkreiszeichen  -   eine je ungleiche Größe auf.  Diese besagten Zeitalter haben astronomisch freilich kaum irgendeine Bedeutung, eher in der Astrologie, aber ebenfalls

in der Popkultur, wo man da und dort von dem angeblich anbrechenden "Zeitalter des Wassermanns" raunt, ohne daß die meisten Leute wüßten, was damit gemeint ist  -  siehe auch unten.)

 

Zurück zu den Bilderläuterungen:

 

Die Sonne steht während eines Jahres  -  zu den in der Graphik genannten Daten (ebenfalls in Gelb geschrieben)  -  an den bezeichneten Positionen der Ekliptik, darunter kann man ihren

jeweiligen Stand in den entsprechenden Sternbildern sowie im tropischen Tierkreis (Tierkreis-Zeichen) ausmachen. Das Band des tropischen Tierkreises ist ockerfarben gehalten und

für jedes Tierkreiszeichen mit seinem ihm zugeordneten Symbol versehen. Beispiel: Am 23. Oktober steht die Sonne heutzutage im Sternbild Jungfrau, am Anfang des Tierkreiszeichens

"Skorpion". Alle zwölf Tierkreiszeichen umfassen, um es zu wiederholen, genau einen 30Grad-Abschnitt auf der Ekliptik. Die Zahl 12 hatte in der Antike eine herausgehobene Bedeutung,

weil sie einerseits eine "besondere" Zahl ist, die erste Zahl nämlich, die durch eins, zwei, drei und vier ohne Rest geteilt werden kann  -  und selbstverständlich auch deshalb, weil in einer

Periode zwischen zwei gleichen Jahreszeiten (Frühling des einen bis Frühling des anderen Jahres beispielsweise) sich die Mondphasen ungefähr zwölfmal wiederholen.

 

Von der Internationalen  Astronomischen Union sind 88 offizielle Sternbilder definiert worden. Sie bedecken lückenlos die gesamte Himmelssphäre von Nord nach Süd. Die Sonne aber

wandert am irdischen Firmament während eines Jahres nur durch 13 dieser 88 Sternbilder hindurch. Es gibt also 12 Tierkreiszeichen, dagegen 13 "Tierkreis"-Sternbilder.  Warum?

 

Nun, wie man anhand der Graphik erkennt, läuft die Sonne im November jedes Jahres, während sie im Tierkreiszeichen "Schütze" steht, durch gleich vier Sternbilder: Nacheinander

durch Waage, dann kurz durch Skorpion (auf dem Bild "Sk." abgekürzt), anschließend durch ein kaum bekanntes Sternbild, nämlich Schlangenträger ("Schl.-Tr."), und schließlich

durch Schütze. Ein Anhänger der Sterndeuterei, der von sich sagt: "Ich bin ein Schütze!", ist somit in Wirklichkeit wahrscheinlich  ein "Skorpion" oder ein "Schlangenträger", ohne

daß er es wüßte. Von Bedeutung für sein Leben wäre es ohnehin nicht, da Sterndeuterei keine Grundlage hat.

 

Die roten Scheiben in der Illustration zeigen den Stand der Sonne zu den rot markierten Zeitpunkten an: Im Jahr 1860 v. Chr. stand die Sonne erstmals zum Frühlingsanfang im Sternbild

Widder, nachdem sie sich zuvor fast drei Jahrtausende lang im Sternbild Stier befunden hatte, als auf der Nordhalbkugel der Erde der Frühling begann. Und in 600 Jahren, im Jahr 2610,

beginnt das vielbesungene "Age of Aquarius": Das Zeitalter des Wassermanns  -  die Sonne wird dann zu Frühlingsbeginn nicht mehr im Sternbild Fische, sondern im Wassermann stehen.

Im Kontrast zu Sternbildern stellen Tierkreiszeichen jeweils 30Grad-Abschnitte ohne wirkliche Breitenausdehnung längs des Ekliptik-Bandes dar.

Im folgenden Bild betrachten wir die Divergenz zwischen astronomischen Sternbildern einerseits sowie (astrologischen) Tierkreiszeichen andererseits noch einmal ausführlich. Zu sehen sind einige

Sternbilder um die Fische herum: Man erkennt hier schon die unterschiedliche Ausdehnung der Sternbilder an der Himmelssphäre. Rechts, zu Beginn des Tierkreiszeichens "Widder", markiert

das Widdersymbol über der Sonnenscheibe den Anfang des ersten 30Grad-Abschnittes des Tierkreises am 20. / 21. März. Einen Monat später steht die Sonne (linker, abgeblendeter gelber Kreis)

aus der Sicht eines Betrachters auf der Erde  -  und zur heutigen Zeit  -  im Sternbild Widder, das Tierkreiszeichen "Stier" nimmt seinen Anfang (gelbes Symbol: Stierkopf mit Hörnern).

Das Bild zeigt den Stand der Sonne vor den Sternen am irdischen Himmel zum Zeitpunkt des Frühlingsanfangs im Jahr 2018.

Die nächste Illustration zeigt das Erscheinungsbild des Himmels heute, zu Frühlingsbeginn des Jahres 2018 n. Chr., also am 20. März.

 

Man bemerkt, daß der Frühlingspunkt tief im Sternbild Fische liegt. Er hat sich seit der Zeit Iulius Caesars deutlich verschoben.

 

Da der Nullpunkt des tropischen Tierkreises aber, wie oben geschildert, am Frühlingspunkt "festgenagelt" ist und an diesem Nullpunkt definitionsgemäß das Tierkreiszeichen "Widder"

beginnt, liegt dieses eben zu unserer Zeit fast vollständig im Sternbild Fische. Demgemäß haben sich auch alle anderen Tierkreiszeichen gegenüber den ursprünglich namensgebenden

Sternbildern verschoben. (Wie gesagt: An dieser Stelle wird zunächst nur geschildert, wie die Sachlage ist; die Erörterung der Frage, aus welchem Grund sich denn der Frühlingspunkt

eigentlich verschiebt, muß in einer derartigen Ausführlichkeit geschehen  -  um nachvollziehbar zu sein  -, daß dafür eine ganze Seite, nämlich die nächste, beansprucht wird.)

Das Bild zeigt den Stand der Sonne vor den Sternen am irdischen Himmel zum Zeitpunkt des Frühlingsanfangs im Jahr 100 vor Christus.

Owei, ob der gute Herr Professor die Bemerkung wirklich so ganz wörtlich und ernst gemeint hat, es stimme nicht, daß der Mond die Erde umkreise? Wir werden sehen...

 

Aber zunächst verlassen wir die beiden einstweilen für eine kurze Zeit, um uns einige Illustrationen zu betrachten, die ich zu dem Zweck angefertigt habe, einmal den weiter oben schon

kurz angesprochenen Unterschied zwischen den Sternbildern der wissenschaftlichen Astronomie und den Tierkreiszeichen, derer sich die Humbug-Sterndeuterei bedient, näher zu

beleuchten. Wir zeigen hier im folgenden zunächst nur, wie die Gegebenheiten sind  -  warum sie so sind, werden wir auf der nächsten Seite eingehend beschreiben und visualisieren.

 

Im ersten der folgenden Bilder sehen wir einen Ausschnitt des Himmels zum Frühlingsanfang des Jahres 100 vor unserer Zeitrechnung, dem Jahr der Geburt Gaius Iulius Caesars. Wir

betrachten hier den Himmel von Athen aus, dem kulturellen Zentrum der Antike. (Letztere Anmerkung nur der Vollständigkeit halber: Auf die sichtbaren Konstellationen am Firmament

hat der irdische Standort keinen Einfluß. Es gibt natürlich Ausnahmen: Sonnenfinsternisse beispielsweise. Auch erscheinen die Verhältnisse am Himmel, von der Südhalbkugel der Erde

aus gesehen, anders ausgerichtet, vereinfacht ausgedrückt: "verkehrt herum" in Relation zur nördlichen Hemisphäre.)

 

Mit "Frühlingsanfang" ist hier der Beginn der warmen Jahreszeit auf der nördlichen Erdhalbkugel gemeint, auf der Südhemisphäre fängt der Herbst an.

 

Die Sonne (gelber Kreis) steht an einer exakt definierten Position, die man, da eine bestimmte der beiden Tagundnachtgleichen auf der Erde herrscht  -  wie gesagt, Frühlingsanfang;

die andere Tagundnachtgleiche wäre der Herbstanfang  -   den Frühlingspunkt nennt. Es ist Mittag, wir haben die helle, durch das Sonnenlicht geflutete irdische Tagesatmosphäre

ausgeblendet, um die Sterne sehen zu können. Die Sonne befindet sich an der Grenze zwischen den Sternbildern Widder und Fische. Sie wird sich mit jedem folgenden Tag um etwa

einen Sonnendurchmesser weiter in das Sternbild Widder hineinbewegen, auf dem Bild also nach links wandern: Dieser von der Erde aus feststellbare Gang der Sonne ist ein scheinbarer,

verursacht durch den tatsächlichen Umlauf der Erde um unser Tagesgestirn im Verlauf eines Jahres.  Ab dem Frühlingspunkt (Null Grad) beginnt der sogenannte tropische Tierkreis:

Die scheinbare jährliche Sonnenbahn am irdischen Himmel  -  die Ekliptik, auf der Graphik als gelbe Linie eingezeichnet  -  wird in zwölf Abschnitte zu je 30 Grad unterteilt. Jeder dieser

Abschnitte ist ein Tierkreiszeichen. Wie wir sehen, begann im Jahr 100 v. Chr. das Tierkreiszeichen "Widder" ungefähr dort, wo auch (seit den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts)

die exakte Grenze des Sternbildes Widder definiert ist. In der Antike kannten die Menschen allerdings keine genauen Grenzen der Sternbilder, der "Widder" zum Beispiel war einfach

das hier durch violette Geraden markierte Muster von mehr oder weniger auffälligen Sternen im (heutigen) Sternbild Widder; Analoges gilt für die anderen Sternbilder.

"Bitte, was? Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen!"

Justus Jauch:

"Das stimmt nicht!"

Archie Kepler:

"Hört sich ja alles sehr theoretisch an. Wissen Sie, ich bin eigentlich mehr daran interessiert, was man denn so am Himmel alles sieht. Ich bin in einer Millionenstadt aufgewachsen und da achtet

man kaum auf Sonne, Mond und Sterne. Naja, die Sonne sieht man natürlich tagsüber und den Mond vielleicht manchmal abends und nachts. Aber vor kurzem war ich im Urlaub auf dem Land,

weit entfernt von jeder Stadt... Da sieht man einen Sternenhimmel, kann ich Ihnen sagen! Aber warum sich das nun alles so bewegt, und was und wie, davon habe ich ja nun keine Ahnung. Daß

der Mond sich um die Erde dreht, das weiß ich selbstverständlich..."

Justus Jauch:

"Danke. Ja, ich bin Professor, und zwar Professor für Astronomie. Astro...NOMIE!

 

Und, da Sie auch das sogleich fragen werden: Unter Astronomie versteht man, grundlegend gesagt, die rationale, auf Vernunftgründen sowie auf gesicherten, nachvollziehbaren Methoden und

nachprüfbaren Ergebnissen und Berechnungen beruhende Beschäftigung mit dem Universum und mit der Einbettung der Erde in diesen Kosmos. Astronomie ist die Wissenschaft vom Weltall als

Ganzem und von den in ihm beheimateten Körpern und Feldern. Sie ist die Wissenschaft von der im Weltall vorhandenen Energie und Materie - also etwa von Himmelskörpern wie Sternen, Planeten

und anderen Gebilden, beispielsweise Schwarzen Löchern, auch von Gas- und Staubwolken. Die Astronomie ist die Wissenschaft von den gegenseitigen Positionen, Entfernungen und Bewegungen

dieser Objekte im Universum und damit auch die Wissenschaft ihrer Positionsbestimmung und von den Einflüssen, die auf die jeweilige Lage und den Ort von Himmelskörpern Änderungen ausüben.

Sie ist auch die Wissenschaft von der Festlegung geeigneter Koordinatensysteme auf unterschiedlichen kosmischen Größenordnungsskalen oder für verschiedenartige Körper und Verhältnisse im All.

Die Astronomie ist die Wissenschaft der Verbreitung und Verteilung kosmischer Objekte, ihres jeweiligen Zustandes, ihrer Größe beziehungsweise Ausdehnung, ihrer physikalischen und chemischen

Zusammensetzung, ihrer Entwicklung.

 

Gegenstand der Astronomie sind also zunächst alle Körper unseres eigenen Sonnensystems: Die Sonne selbst, die Planeten, Asteroiden, Kometen, Meteoroiden. Gegenstand der Astronomie sind

dann die fremden Sonnen, die wir uns als 'Sterne' zu bezeichnen angewöhnt haben, ihre Systeme mit eigenen Planeten, Asteroiden usw.; sind die Sternzusammenballungen wie offene und Kugel-Sternhaufen, und sind die gewaltigen Sternanhäufungen, mithin die Galaxien  -  zu der auch unsere eigene, die Milchstraßengalaxie, die 'Galaxis' gehört; sind schließlich die Galaxienhaufen und Galaxiensuperhaufen. Die Astronomie befaßt sich auch mit Partikeln, nämlich Staub- und Gasteilchen, die etwa die interplanetare (die innerhalb des Sonnensystems befindliche) Materie ausmacht

bzw. die interstellare und intergalaktische (zwischen den Sternen bzw. zwischen den Galaxien diffus verteilte) Materie.

 

Objekte der astronomischen Wissenschaft sind aber auch die kosmischen Teilchen- und Wellenstrahlungen samt ihren jeweils spezifischen Entstehungsursachen und Erscheinungsformen, sowie

die großräumigen physikalischen Felder, hauptsächlich Magnet- und Gravitationsfelder. Hier ist insbesondere, was die Untersuchung von Wellenstrahlung anbelangt, die ich gerade genannt habe,

die sogenannte Spektroskopie hervorzuheben, mittels derer wir schon seit etwa eineinhalb Jahrhunderten elektomagnetische Strahlung, vor allem im Bereich des sichtbaren Lichts, in sogenannte

Spektren auffalten, um die Beschaffenheit und den Zustand von Gestirnen kennenzulernen und zu untersuchen  -  namentlich von unserer eigenen Sonne und von anderen Sternen, die wir ja

nicht in ein Labor holen können, um sie zu analysieren!

 

Und in Form einer ihrer Teildisziplinen, der Kosmologie nämlich, untersucht die Astronomie das Weltall als Großes und Ganzes, die Welt als Inbegriff und Gesamtheit von Zeit, Raum und Energie.

Hier befaßt sie sich mit der Entstehung, der Evolution, dem jetzigen Zustand und der vermutlichen zukünftigen Entwicklung des ganzen Universums."

Archie Kepler:

"Bitte, nur noch einen Augenblick! Sie sind aber doch ein Professor, oder? Sie sehen so intelligent aus, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf..."

Justus Jauch:

"Das ist etwas anderes. Gewiß gibt es physikalisch nachweisbare Einwirkungen aus dem Kosmos auf die Erde, und selbstverständlich wäre es eine Katastrophe, wenn ein großer Asteroid auf der Erde einschlagen würde. Aber, um im Bild zu bleiben, es kann ja auch passieren, daß Ihnen ein einzelner Blumentopf aus einem bestimmten Wohnungsfenster auf den Kopf fällt. Und das würde dann bei

Ihnen schon irgendeine Wirkung zeitigen. Das wäre aber eine Wirkung, die sich unmittelbar aus bekannten und bewährten Naturgesetzen, in diesem Fall also dem Newton'schen Gravitationsgesetz

und dem Meyer'schen Gesetz von der Erhaltung der Energie, herleitet.

 

Worum es bei der Horoskoperei, der 'Astrologie' aber geht, sind eben irgendwelche nicht nachweisbare, sind im Dunkeln liegende, geheimnisvolle sogenannte Einflüsse, die sich aus dem behaupteten 'Wesen' einzelner Himmelskörper herleiten sollen, wie sie eben den Menschen schon seit Jahrtausenden am Himmel mit bloßem Auge erschienen sind - und sind behauptete Auswirkungen, die sich

aus den Stellungen von Gestirnen zueinander angeblich ergeben sollen. Beispielsweise erscheint der Planet Mars, wenn er in Erdnähe steht, dem menschlichen Auge am Erdboden rot. Daraus haben Menschen in der Antike geschlossen: Aha, Farbe des Blutes. Also muß der Mars irgendetwas mit Krieg, Gewalt und Aggression zu tun haben. Und wenn dann noch eine Konstellation von Sternen,

die im Raum weit auseinanderstehen und physisch gar nichts miteinander zu tun haben, einem Beobachter am Erdboden wie der Umriß eines Löwen erscheint, und wenn dann der Mars auf seinem Umlauf um die Sonne, von der Erde aus betrachtet, in diesem sogenannten 'Bild' eines Löwen, einem 'Sternbild' eben, steht, nun...  Wie Sie vorhin schon richtigerweise angedeutet haben: Das

menschliche Gehirn zeigt eine Tendenz zur Gestaltwahrnehmung, und so sieht der Mensch überall Analogien, wo es in der physikalischen Realität gar keine Ähnlichkeiten oder Zusammenhänge gibt.

Das ist der biologischen Stammesgeschichte geschuldet. Derjenige von unseren Vorfahren, der im Blättergewirr des Dschungels rechtzeitig die Umrisse eines noch halb versteckt lauernden Tigers

wahrnehmen konnte, hat sich mit weit größerer Wahrscheinlichkeit vor dem Gefressenwerden gerettet, als jemand, der über diese Fähigkeit nicht verfügte. Und genau deshalb gehört der erstere

in die lange Reihe unserer Vorfahren, der andere hingegen nicht.

 

Aber, mein Herr, meine Zeit ist kostbar, also guten Tag und guten Weg..."

Archie Kepler:

"Ja, nun... Gut, Sie sind also kein 'Astrologe.' Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Aber im Fernsehen sieht man doch immer, daß... Nun, wenn etwas vom Himmel fällt, so ein Astroloid oder wie das heißt... Wer ist denn dafür zuständig?"

Justus Jauch:

Wir hatten unsere Gesprächspartner kurz verlassen, als Professor Kepler dem guten Justus Jauch ein Duell an der Friedhofsmauer androhte, für den Fall, daß dieser ihn noch einmal als "Astrologen" bezeichen würde.

Wenden wir uns den beiden wieder zu und hören, was sie weiter zu besprechen haben...

Der Tierkreis, der in der Sicht der Sterndeuterei die Erde umgibt, mit einigen Planetenstellungen aus Goethes Horoskop.

 

Das geozentrische Puppenstuben-Weltall der Sterndeuterei, der Astrologie:  Die Erde im Mittelpunkt wird von dem Tierkreis umgeben. Er besteht aus 12 Zeichen (Symbolen), die jeweils 30 Grad des Kreises

einnehmen. Der Name "Tierkreis" leitet sich daher, daß die meisten seiner Zeichen die Namen von Tieren tragen: Widder, Stier, Krebs, Löwe, Skorpion, Steinbock, Fische; die anderen fünf Zeichen heißen

Zwillinge, Jungfrau, Waage, Schütze, Wassermann. Die Zeichen waren ursprünglich die Etiketten (die Kennzeichnungen, "Markenzeichen") von bestimmten Sterngruppierungen am irdischen Himmel.

Diese Konstellationen hat man in der Antike als an das Firmament versetzte Verkörperung der jeweils entsprechenden Gestalten und Wesen angesehen  -  also zum Beispiel die Personifizierung eines Widders,

eines Löwen oder von Zwillingen. Derartige "Sternbilder" hatten ursprünglich keine festgelegten Grenzen und bestanden nur aus den meist auffällig hellen Sternen, welche das jeweilige Muster ergaben.

 

Am Frühlingsanfang, einem für die damaligen Bauerngesellschaften enorm wichtigen Bezugspunkt im Laufe eines Jahres, stand zu Zeiten der Babylonier und des klassischen Hellas die Sonne  im Sternmuster

"Widder". Das hat sich aber seither geändert. Denn die Erdachse kreiselt langsam im Raum. Deshalb steht die Sonne bei der irdischen Tagundnachtgleiche im Frühjahr seit der Epoche Julius Cäsars  -  genauer:

seit dem Jahr 60 vor Christus  -  im Sternbild "Fische". Seit der Antike hat sich somit der Frühlingspunkt deutlich verschoben. Die Astrologen aber legen auf den Frühlingsanfang, meist dem 20. oder 21. März,

weiterhin den Beginn des 30Grad-Abschnittes des Tierkreiszeichens "Widder" fest. Sternbilder und Tierkreiszeichen sind also nicht dasselbe, sind so gut wie an keiner Stelle des Himmels deckungsgleich.

(Ganz abgesehen davon, daß die Sternbilder, im Gegensatz zu den "Zeichen" des Tierkreises, sich in ihrer flächenmäßigen Ausdehnung enorm unterscheiden. Ihnen wurden zudem während der Zwanziger Jahre

des Zwanzigsten Jahrhunderts feste Grenzen ihrer jeweiligen Erstreckung am Firmament zugewiesen. Letzteres bedeutet: Es muß die oben getroffene Feststellung, unsere Sonne stünde seit Mitte des ersten

vorchristlichen Jahrhunderts zum Zeitpunkt des Frühlingsanfangs nicht mehr, wie vorher fast zwei Jahrtausende lang, im Sternbild "Widder", sondern seither  -  und bis heute  -  im Sternbild "Fische",

wie folgt präzisiert werden: Sie steht seit dem Jahr 60 v. Chr. innerhalb der Grenzen des Sternbildes "Fische", so wie sie erst seit moderner Zeit durch internationale Vereinbarungen, insbesondere in Form

von Beschlüssen der Internationalen Astronomischen Union im Jahr 1925, genau definiert sind.   -   Und mit "Frühlingsanfang" ist der Beginn des Frühlings auf der nördlichen Halbkugel der Erde gemeint;

auf der südlichen Hemisphäre bricht zu diesem Zeitpunkt der Herbst an. Dies ändert jedoch nichts an den hier geschilderten grundsätzlichen Gegebenheiten: Derjenige Punkt, an dem die Sonne in diesem

Moment steht, wird seit langer Zeit eben "Frühlingspunkt" genannt, nach der Jahreszeit auf der irdischen Nordhalbkugel.   -   Illustrationen werden all das im weiteren Verlauf hier noch veranschaulichen.)

 

In obigem Schema, welches das Weltbild der Astrologie verdeutlicht, habe ich auch die Planeten Neptun und Merkur sowie die Sonne eingezeichnet, so wie sie zu Goethes Geburt vor den Tierkreiszeichen

standen und wie sie in seinem Horoskop eingezeichnet sind. Der Begriff "Horoskop" leitet sich aus dem Altgriechischen ab und bedeutet, wörtlich übersetzt: "Stundenschau". Es zeigt, wie man sieht,

eine schematische Darstellung von Sonne, Mond und Planeten an einem idealisierten irdischen "Himmel".  Anhand solcher Gestirnskonstellationen, wie sie sich vor den Tierkreiszeichen abbilden, glaubt

man  -  wenn man denn an die Sterndeuterei glaubt (oder mit ihr sein Geld verdient, was beides nicht immer dasselbe sein muß)  -  Feststellungen und Prognosen über den Charakter und den Lebenslauf

eines Menschen treffen zu können, über das Schicksal von Unternehmungen und selbst ganzen Staaten, über günstige Zeitpunkte für Entscheidungen wie Vertrags- und Geschäftsabschlüsse, für Reisen,

Treffen und Hochzeiten. Ja sogar darüber, ob in Partnerschaften bestimmte Menschen zusammenpassen oder ob sie als Mitarbeiter in Firmen für eine zu besetzende Stelle geeignet seien, sollen behelfs

der Astrologie treffende Vorhersagen zu gewinnen sein.  Über Goethe meinte man aus seinem Horoskop herauslesen zu können: "Die Astrologen halten die Konstellation für günstig: Die Sonne steht

im Zeichen der Jungfrau, kulminierend. Jupiter und Venus sind freundlich, Merkur zeigt sich nicht widerwärtig, was alles für ihn geheimen Sinn auf dem Lebensweg bedeutet. Der volle Mond übt seine

Kraft und widersetzt sich der Geburt, bis seine Stunde vorübergegangen."  ( Zitat 1      )   Es muß unbekannt bleiben, ob solche allgemein-raunende, sich tiefsinnig gebende Schwadroniererei ihre "Kraft"

erst aus dem nachträglichen Wissen über Goethes Bedeutung in der Literatur bezog  -  die Planeten Uranus und Neptun waren jedenfalls zum Zeitpunkt von Goethes Geburt noch gar nicht entdeckt.

 

Die Astrologie wird heutzutage von allen ernstzunehmenden Wissenschaftlern als völlig haltlose und unbegründete Irrlehre mißbilligt. Ihr wird nur noch historische Bedeutung beigemessen, als Ausdruck

und Dokumentation des Weltbildes von Menschen und Völkern, die die Welt noch nicht rational erklären konnten: Ihnen waren einfach die Tatsachen noch nicht bekannt (und die Methoden nicht bewußt),

aus denen (und mithilfe derer) man ein zutreffendes Bild der Realität zusammensetzen könnte  -  und heutzutage weitgehend kann. Da das menschliche Gehirn aber so gestaltet ist, daß es Sinn in die Welt

hineinzulegen versucht (auch hier: Tendenz zur Gestalt-, zur Sinnwahrnehmung), hat man eben versucht, auch aus völlig unzureichenden Zutaten ein stimmiges, kohärentes und abgeschlossenes Bild

über die Wirklichkeit und über die Welt zu gestalten, die den Menschen umgibt. Fazit: "Die Astrologie entstammt der Sternkunde des Orients, vor allem der des alten Babylons, wo die Priester gleichzeitig

Astronomen und Astrologen waren. Aus diesen Zeiten stammen die gängigsten Begriffe der Astrologie, ohne das Geringste an Wahrheitsgehalt gewonnen zu haben." - "Die Astronomie der Gegenwart

lehnt jede Art von Astrologie entschieden ab, da sie sich weder auf konkrete Erfahrungstatsachen noch auf eine durch Naturgesetze wohlbegründete Theorie stützt. Obwohl die Astrologie völlig

unwissenschaftlich ist, findet sie auch gegenwärtig noch Anhänger und wird nicht selten dazu genutzt, leichtgläubige und abergläubische Menschen zu betrügen." (Zitat 2      )

 

Der in der menschlichen Frühzeit aus dem überwältigenden Eindruck des nächtlichen Firmaments und aus der fast ständigen Gegenwart eines der beiden markanten Himmelskörper Sonne und Mond

erwachsene Glaube an die Bedeutung der Gestirne und des Sternhimmels für irdische Verhältnisse war stetiger Anlaß, sich mit ihnen zu beschäftigen. In diesem Sinne kann die heute unwissenschaftliche

Astrologie durchaus als die Wurzel angesehen werden, aus der die wissenschaftliche Astronomie entsprang. "Bereits in zahlreichen alten Kulturen waren einige astronomische Grundtatsachen, soweit

die damaligen bescheidenen Hilfsmittel ausreichten, bekannt. Im wesentlichen erstreckten sich diese Kenntnisse auf die Bewegungen von Sonne, Mond und Planeten. Die wiederholte Beobachtung

und Messung dieser periodischen Vorgänge führte zu erstaunlich guten Zahlenwerten, etwa der Länge des Tages und Jahres sowie der Umlaufzeiten von Mond und Planeten." (Zitat 3     )

 

Und damit entwuchs aus der Astrologie als sterndeuterische "Nutzanwendung" schon früh die Astronomie, die für andere praktische Zwecke eine Rolle spielte  -  und sie spielte im Gegensatz zu ihrer

"Mutter", der Sterndeuterei, eine wohlbegründete und entscheidend hilfreiche Rolle: "Dazu zählte die Einteilung der Zeit in Tage, Wochen, Monate und Jahre. Daneben konnten Beobachtungen an den

Gestirnen  auch zu Ortsbestimmungen herangezogen werden. Weitere Querverbindungen führten zur Landvermessung (Geometrie, Trigonometrie)."

 

Und so entwickelte sich die Astronomie zur ältesten Wissenschaft und wurde ihrerseits zur Mutter aller anderen Wissenschaften und zum Anreiz für sie.

"Lassen wir das. Sie sind albern. Ihnen fehlt die sittliche Reife. Kurzum, betiteln Sie mich bitte nicht als 'Astrologe', 'Horoskopsteller', 'Kaffeesatzleser' oder als etwas ähnliches, sonst sehen wir uns morgen früh bei Sonnenaufgang an der Friedhofsmauer zum Duell wieder."

Archie Kepler:

"Von Theologieprofessoren aber schon..."

Justus Jauch:

"Ja, ganz genau. Wobei man der Vollständigkeit halber ergänzen muß, daß, wenn wir hier von 'Planeten' geredet haben, nur die Planeten unseres eigenen Sonnensystems gemeint sind. Nur solche

spielen ja in der von Ihnen angesprochenen Sterndeuterei eine Rolle. Wir wissen aber inzwischen, daß auch andere Sterne von Planeten umkreist werden, die wir von der Erde aus selbstverständlich

am Nachthimmel nicht sehen können. Und wenn wir hier von 'Sternen' geredet haben, dann meinen wir Sterne im herkömmlichen Sinn: Also die Lichtpunkte am Nachthimmel. Wissenschaftlich

gesehen ist aber auch unsere eigene Sonne ein Stern, ein selbstleuchtendes Himmelsobjekt. Sie erscheint uns nur deshalb so groß und so hell, weil sie uns viel näher steht als alle anderen Sterne.

Genauer gesagt: Der zweitnächste Stern (nach unserer Sonne) ist zweihundertachtundsechzigtausend Mal weiter entfernt von der Erde als die Sonne.

 

Also, zusammengefaßt: Die räumlichen Dimensionen jenseits unserer Erde erstrecken sich über so außerordentlich viel riesigere Distanzen als diejenigen, die wir von den irdischen Verhältnissen her

gewohnt sind, daß wir sie mit unseren Sinnen nicht mehr als konket faßbaren, wahrnehmbaren Gesamtraum empfinden, innerhalb dessen die Erde schwebt. Wir können die Ausdehnung des Alls

nicht begreifen  -  ein Ausdruck, der sich ja von 'greifen' herleitet, eine Tätigkeit, die Nähe voraussetzt. In die als räumlich empfundene Ferne schauen, Tiefe sinnlich wahrnehmen können wir nur

ungefähr bis zum irdischen Horizont. Mehr geht nicht. Und deshalb erscheint uns 'der Himmel' zweidimensional, als eine zweidimensionale, in sich gekrümmte Sphäre in unbestimmter Entfernung,

auf der die Gestirne abgebildet sind, die einen leuchtender, andere weniger hell. Das ist eben die 'Himmelssphäre', das Firmament, die zweidimensionale Projektion dreidimensionaler Verhältnisse  -

genauer gesagt, sogar vierdimensionaler Gegebenheiten (aber das ist ein anderes Thema).

 

Und da unseren Augen alle Gestirne somit gleich weit entfernt erscheinen, bilden sie Muster. Einige Gestirne, die Planeten, wandern wie auf einer musterbestickten Fläche umher und kommen sich

scheinbar nahe, entfernen sich wieder. In diesen Bewegungen und Mustern glaubten viele unserer Vorfahren in vorwissenschaftlichen Zeiten eben einen Sinn zu erkennen, auch deshalb, weil diese

Erscheinungen 'über' den Menschen, am sogenannten 'Himmel' ablaufen. Aber dieses 'über uns' ist nur scheinbar. In Wirklichkeit wird die Erde selbstverständlich rundherum vom All umgeben, und

nur deshalb, weil von einem jeweils gegebenen Standort aus die Himmelskörper unter dem Horizont, 'unter' der Erde, nicht sichtbar sind  -  weil sie ja vom Erdkörper verdeckt werden  -  erscheint

das sichtbare All, das nächtliche Firmament, die 'Himmelskugel', als 'über' den Menschen angesiedelt, 'thronen' die Himmelskörper über den Menschen, 'schauen' sie auf die Erde 'hinab': Und somit

formte sich wie von selbst das Weltbild von Gestirnen, göttergleich, die über die Schicksale von Ländern, Völkern und Menschen bestimmen. Viele heutige Zeitgenossen, die derartigen und ähnlichen

vorwissenschaftlichen Weltbildern auch deshalb Geltung beimessen, weil diese Ansichten eben so alt, so 'ehrwürdig' sind, glauben dies bis heute. Das sind eben die Anhänger der Sterndeuterei, der

Astrologie. Es gibt aber keinen ausgeklügelt auf die Erde bezogenen allgemeingültigen Lauf, keine ortsunabhängige Stellung von Himmelskörpern. Es verbindet die Gestirne mit der Erde und ihren

Bewohnern kein menschenbezogener Sinnzusammenhang.

 

Begreifen Sie das jetzt? Die Sterndeuterei ist letztendlich eine geozentrische Anmaßung und Verirrung.

 

Da könnte man auch gleich postulieren, daß die gegenseitige Stellung von Blumentöpfen in den Fenstern der Häuser einer Millionenstadt und das Herumrücken dieser Töpfe durch Hausfrauen, wenn

sie ihre Fenster putzen, irgendeinen Einfluß darauf haben, wann ich meinen Freund Neptun heiraten werde und wie diese Beziehung verlaufen wird. Also, daß der Begriff 'Astrologie' für einen Laien

irgendwie wissenschaftlich klingt, heißt noch lange nicht, daß das dahinterstehende Gedankengebäude auch eine Wissenschaft sein müsse. Die 'Astrologie', die 'Sterndeuterei', die 'Horoskoperei' ist jedenfalls keine Wissenschaft, und deshalb kann es auch keine 'Astrologie'-Professoren geben. Oder haben Sie etwa schon einmal von einer Fakultät für die 'Welteislehre' oder für 'Draconologie', also 'Drachenlehre', an einer seriösen Universität gehört?"

Archie Kepler:

Erscheint irgendwie wissenschaftlich, ist es aber nicht: Sterndeuterei, dargestellt am Beispiel des Horoskops von Goethe.

Erscheint irgendwie wissenschaftlich, ist es aber nicht: Sterndeuterei, dargestellt am Beispiel des Horoskops

von Johann Wolfgang von Goethe. Sonne (der gelbe punktierte Kreis), Mond und Planeten stehen

zum Zeitpunkt der Geburt des Horoskop-Eigners in bestimmten "Tierkreis-Zeichen". Siehe unten.

"Ich glaube, ich verstehe, was Sie sagen wollen...

 

Da Sterne und Planeten keinerlei bedeutungsvolle Beziehung zueinander

haben, kann zwischen ihnen auch kein sinnvoller Zusammenhang hergestellt

werden. Die uns erscheinenden Konstellationen und der Stand der Gestirne

sind eine zufällige Sichtweise aus der Perspektive der Erde. Für die Menschen

werden Himmelskörper, die sichtbar sind, weil sie Licht ausstrahlen  -  seien

sie selbstleuchtend oder nicht, das heißt: egal, ob sie Licht nur reflektieren

oder selbst produzieren  -  äh... also derartige Gestirne, die sich nun in der

Wirklichkeit in räumlichen Dimensionen gewaltigster Unterschiedlichkeit und

Tiefe befinden, scheinen für den Menschen wie auf eine gläserne, von hinten

durchsichtige Leinwand projiziert zu sein. Und diese scheint die Erde wie eine

Kugel in unbestimmter, aber doch irgendwie naher Entfernung zu umgeben.

 

Da der Erdboden, auf dem wir uns befinden, jedoch undurchsichtig ist, sehen

wir zu einem gegebenen Zeitpunkt immer nur die Hälfte dieser scheinbaren

Kugel. Und die liegt über unseren Köpfen. Diese Hälfte bezeichnen wir als

'das Himmelzelt' oder so ähnlich. Ja ... oder wir nennen sie sogar generell

nur 'den Himmel', obwohl es so etwas eigentlich gar nicht gibt.

 

Tatsächlich existiert in der kosmischen Realität nur ein für die menschlichen

Sinne unfaßbar gewaltiger Raum, durch den sich die Erde bewegt.

 

Helle Sterne, die zueinander an unserem 'Himmel' immer denselben Abstand

zu haben scheinen  -  eine Art zweidimensionalen Abstand  -  bilden dadurch

jeweils ein bestimmtes Muster für uns, das nennen wir dann Sternbild. Ganz

ähnlich, wie manche Wolken, die an einem schönen Sommertag über meinem

Kopf am 'Himmel' vorübersegeln, auf mich wie das Profil meiner Tante Emma

oder wie ein Hase wirken, obwohl die Form solcher Wolken natürlich nur rein

zufälligerweise für den Menschen  -  oder sogar nur für einen bestimmten

Menschen  -  eine Bedeutung zu ergeben scheint. Ich habe einmal irgendwo

gelesen, daß das Gehirn des Menschen dem optischen Sinn eine geradezu

zwanghafte 'Tendenz zur Gestaltwahrnehmung' aufprägt.

 

Also, was den Sternenhimmel betrifft: Wenn ich Sie richtig verstehe, bilden

die sichtbaren Gegebenheiten an diesem 'Himmel' somit kein Quasi-Uhrwerk

aus wohlberechnet ineinandergreifenden Einzelteilen ab: Ein Uhrwerk, dessen

Gang den Lauf des Schicksals bestimmen würde  -  etwa so wie ein richtiges

Uhrwerk die Anzeige der Zeiger auf dem Zifferblatt einer tatsächlichen Uhr

determiniert. Der 'Himmel' ist kein Sternenmuster-Zifferblatt, welches wir

nur abzulesen bräuchten, um anhand der Sonne-, Mond- und Planeten-Zeiger

zu wissen, woran wir sind und was uns blühen wird. Ist das so etwa richtig?"

Justus Jauch:

"Ja, ich beschäftige mich tatsächlich beruflich mit Sternen. Aber auf wissenschaftlicher, rationaler Ebene!

 

Wovon Sie aber reden, ist die unwissenschaftliche Sterndeuterei, ist die sogenannte 'Astrologie'. Diese behauptet, beliebige Gestirnskonstellationen am Himmel, denen einige Menschen irgendwelche

Bedeutungen beilegen, würden das Geschehen auf der Erde mysteriöserweise beeinflussen, insbesondere die Schicksale und die Lebensläufe von Menschen. Das ist Unsinn. Die Gestirne, die Sterne

also und die Planeten, sind untereinander völlig verschiedene Himmelskörper, in Raum und Zeit weit voneinander getrennt, meistens ohne jede erhebliche physikalische Beziehung zueinander. Ja,

selbst die Entfernungs-Skalen stehen nicht nur größenordnungsmäßig, also quantitativ, sondern stehen auch hierarchisch  -  qualitativ  -  auf ganz verschiedenen Ebenen. Planeten sind Dutzende,

meistens Hunderte von Millionen Kilometer von uns entfernt, Sterne dagegen  -  jedenfalls diejenigen, die wir mit bloßem Auge sehen können  -  liegen viele, oftmals Tausende Lichtjahre weit weg.

Und jene Sterne übrigens, die wir nur mit Teleskopen erkennen können, nicht mit bloßem Auge, befinden sich in noch deutlich größeren Distanzen, in zehn- und Hunderttausenden von Lichtjahren,

ja sogar, wo sie in anderen Galaxien beheimatet sind, in Millionen und Abermillionen von Lichtjahren.

 

Nehmen wir irgendeinen Planeten unseres Sonnensystems, beispielsweise den Jupiter. Stellen Sie sich vor, er wäre ein Salzkörnchen, das Sie aus einem Zentimeter Entfernung betrachten. Schauen

Sie jetzt zum Horizont, wo ein Fischerboot ankert. Es ist gerade noch als grauer Punkt zu erkennen. Das Salzkorn direkt vor ihren Augen und das weit entfernte Fischerboot haben scheinbar dieselbe Größe, das Salzkorn steht "vor" dem Fischerboot, aus Ihrer Sicht betrachtet. Da haben sie ein maßstäbliches Modell der entsprechenden astronomischen Verhältnisse.

 

Dutzende, Hunderte Millionen und einige Milliarden von Kilometern: Das sind die Entfernungen der Planeten, die in der Sterndeuterei ja eine so große Rolle spielen. Auf der anderen Seite Dutzende,

Hunderte und Tausende Lichtjahre: Das sind die Distanzen der mit dem bloßem Auge erkennbaren Sterne, die ebenfalls in der Astrologie einen so wichtigen Platz einnehmen. Aber der Unterschied

zwischen Hunderten Millionen Kilometern und vielen Dutzend Lichtjahren ist wie der Kontrast zwischen wenigen Millimetern und einigen Kilometern. Das ist der größenordnungsmäßige, qualitative Unterschied, von dem ich gerade sprach. Jedoch, es gibt noch eine weitere wesentliche, qualitative Ungleichheit: Planeten und Sterne sind ganz und gar verschiedenartige Körper, ebenso wie in

meinem Beispiel das Salzkorn und das Fischerboot. Planeten werden nämlich von einem selbstleuchtenden Gestirn, in Falle des Jupiter von unserer Sonne, angestrahlt und reflektieren dann dieses

sichtbare Licht nur.  Sterne hingegen sind eben jene aus sich heraus leuchtenden Objekte selbst: Gewaltige Gaskugeln, die in ihrem Inneren exorbitante Mengen an Energie produzieren und die

solcherart erzeugte Energie anschließend (unter anderem) als sichtbares Licht ausstrahlen. Und Sterne sind darüber hinaus in aller Regel auch extrem viel größer und massereicher als Planeten.

 

Kurz und gut, die Sterndeuterei, die Astrologie, geht davon aus, daß so ganz wesentlich unterschiedliche Körper wie Planeten und Sterne, die dazu noch räumlich und zeitlich durch weite Distanzen voneinander  -  und vor allem von der Erde  -  geschieden sind, irgendeinen Einfluß auf unsere Verhältnisse und Schicksale ausüben oder irgendetwas über menschliche Charaktere aussagen würden.

Und das nur deshalb, weil sie am nächtlichen irdischen Firmament als nebeneinander oder in gegenseitiger Nähe oder in irgendeiner sonstigen Beziehung stehend und als musterbildend erscheinen.

Sie erscheinen jedoch nur der visuellen Verrechnung des menschlichen Gehirns so. Unsere Gehirne haben sich in einer sehr langen Stammesgeschichte aber auf der Erde gebildet  -  wo auch sonst  -

und sind, was die Entfernungsbestimmung und -zuordnung angeht, ausschließlich dazu in der Lage, irdische räumliche Verhältnisse unmittelbar passend abzubilden.

 

Wir können eben nur Distanzen bis in ungefähr der Entfernung des Horizontes räumlich abschätzen. Das tun wir  -  unbewußt selbstverständlich  -  etwa aufgrund von Perspektivenbildung, oder

mittels unbewußtem Größenvergleich von nahen mit weiter entfernten Gegenständen: So wissen wir dank ihrer jeweiligen durchschnittlichen Größe und Gestalt, welche räumliche Ausdehnung, also

Höhe, Breite und Tiefe, beispielsweise ein Baum, ein Auto oder ein Einfamilienhaus haben. Und wenn wir einen ungewöhnlich kleinen Baum einer bestimmten Art und Form oder einen winzigen Pkw

oder ein zwergenhaftes Einfamilienhaus sehen, dann nehmen wir nicht an, im Liliputanerland gelandet zu sein, sondern unser Gehirn verrechnet sofort und automatisch: Aha, dieser Baum, oder

dieses Auto und jenes Haus, sind weit entfernt. Hinzu kommen dann noch weitere Effekte, die uns auf der Erde bei der instinktiven Einordnung von Gegenständen in Entfernungsverhältnisse

unterstützen: Der Dunst in der Atmosphäre beispielsweise  -  und auch mikroskopisch kleine unsichtbare Staubpartikel in der Luft  -, die kilometerweit entfernte Objekte immer etwas verschwommen

erscheinen lassen, wenngleich für uns manchmal nur ganz unmerklich.

 

Der Vorteil dieser instinkiven Raumwahrnehmung liegt aber vor allem darin, daß wir auf der Erde nicht in eine ganz bestimmte Falle laufen: Nämlich Dinge, die in Wirklichkeit weit auseinander liegen,

für zusammengehörig und für irgendwie sinnvoll verbunden zu halten, wenn auch nur als Teile eines Musters. Sobald der Mensch jedoch in den Weltraum hinausschaut, verläßt er in diesem Schauen,

ohne sich dessen bewußt zu werden, die irdischen Verhältnisse, denen das menschliche Schauen angepaßt ist. Es gibt für den Blick ins All keine perspektivisch zulaufenden Linien, keine unbewußt

verrechenbaren Größenordnungen vertrauter Gegenstände untereinander, keinen unmerklichen Dunst, der etwa tausend Lichtjahre entfernte Sterne verschwommener erscheinen lassen würde als

hundert oder zehn Lichtjahre entfernte. Und die Planeten wiederum, die unsere Sonne umkreisen, sind nur weniger als ein tausendstel Lichtjahr von uns entfernt.

 

Denken Sie an das Salzkorn und das Fischerboot. Was haben die miteinander zu tun? Nichts."

Archie Kepler:

 

Wie man sieht, ist dieses Gespräch wirklich frei erfunden, ein Gespräch aus einer besseren Welt, einer völlig unvorstellbaren Parallelwelt.

 

Denn Sendungen im Fernsehen, die wöchentlich regelmäßig  -  und seriös  -  über die Wissenschaft der Himmelskunde, eben über

die Astronomie, berichten und Themen aus diesem faszinierenden Wissensgebiet vermitteln, die gibt es nicht. Aber vielleicht wollen

die Menschen im TV-Hauptprogramm wirklich lieber Sendungen über Wintersport sehen, in denen von morgens um acht bis abends

um zweiundzwanzig Uhr fast ununterbrochen Menschen gezeigt werden, die auf Kunststoffbrettern einen Hang hinunterrasen und

anschließend sinnfreie Interviews geben, in denen sie bekennen, sie könnten es noch gar nicht fassen, daß sie "einen guten sechsten Platz"

belegt hätten und würden im übrigen gern ihre Oma in Bergdorf-Klingelskirchen grüßen. Und möglicherweise ist es tatsächlich so, daß

die TV-Redaktionen Anhaltspunkte dafür haben, man müsse vor einem Fußball-Länderspiel zwei Stunden Vorberichterstattung,

schließlich das Spiel selbst, hernach zwei Stunden Nachberichterstattung  -  wiederum weitgehend sinnfreie Interviews enthaltend  -

und anschließend um 23 Uhr, als Krönung des Ganzen, noch "Knallis Fußball-Club" zeigen, in dem ausgemusterte "Experten" dann

auf das längst plattgewalzte Thema auch noch ihren Senf streichen. Der Abend wäre damit "ausgefüllt" und die Sendezeit glücklich herumgebracht. Weitere Gedanken müssen sich die TV-Intendanten und unzähligen TV-Hauptabteilungsleiter nicht mehr machen.

 

Die Zeiten eines Hoimar von Ditfurth und eines Heinz Haber sind im deutschen Fernsehen eben längst vorbei. Wenn heutzutage über

den Weltraum berichtet wird, dann entweder in einem 30-Sekunden-Einspielclip zum Ende der Nachrichten unter "Vermischtes",

oder aber in halbseiden-Raumschiff-Enterprise-artigen Dokumentationen, in denen dicke rotgelbgrüne "Gaswolken" vor den Sternen

herumwabern, vor Sternen, die selbst wie Schneeflocken durchs Bild fliegen  -  Sendungen, hektisch geschnitten, damit auf keinen Fall

der Eindruck entstehe, der geneigte Zuschauer werde irgendwann zum Nachdenken gezwungen sein, und in denen die angeborenen

instinktiven Auslösemechanismen bedient werden, indem es ständig  -  im atmosphärelosen Weltraum!  - kracht und knallt. Nun ja.

 

Aber wenden wir uns wieder unseren Gesprächspartnern zu. Zurück zu Herrn Kepler, der sich für einen Astrologen gehalten sieht,

weil er etwas "mit Sternen und so" zu tun habe und eine diesbezügliche Fernsehsendung moderiere.

"Aber warten Sie doch kurz... Ich kenne Sie aus dem Fernsehen, da erklären Sie jede Woche Dienstag

abends den Leuten die Sterne und so..."

Justus Jauch:

"Nein, mein Herr. Ich bin kein Professor für 'Astrologie'. So einen Beruf gibt es überhaupt nicht. Also

Guten Tag und Guten Weg."

Archie Kepler:

"Sie, Moment 'mal... Bleiben Sie 'mal einen Augenblick stehen... Sie sind doch dieser Professor für... für... Astrologie..."

Justus Jauch:

©

Standbild aus dem Film "Destination Moon"; bearbeitet.

 

Ein noch größerer Anachronismus liegt darin, daß auch im 21. Jahrhundert, nachdem das Zeitalter der Raumfahrt längst gestartet ist,

die meisten Menschen nicht einmal mit den einfachsten Grundlagen der Astronomie vertraut sind.

 

So bekannte vor einiger Zeit der Unterhalter in einer bekannten Quiz-Sendung, die verspricht, Menschen vielleicht zu Millionären

machen zu können, achselzuckend, er habe von diesen Dingen keine Ahnung  -  und seiner Haltung glaubte ich entnehmen zu können,

daß ihm das wohl auch schnuppe sei. (Immerhin soll ihn, einer Umfrage zufolge, zumindest die Mehrzahl der TV-Konsumenten

für den "intelligentesten Deutschen" halten.)

 

Aber: Wir sind alle Laien auf den meisten Gebieten - nichts zu wissen, ist zunächst einmal nicht schlimm:

Willentlich unwissend zu bleiben aber schon.

 

Für diejenigen, die von Astronomie noch gar nichts verstehen, sind die Handreichungen auf dieser Seite und den folgenden,

mit ihr verlinkten Seiten dieser Website bestimmt.

 

Ich habe hier die Dialogform gewählt: Fiktive Gespräche zwischen dem Professor Archie Kepler und dem Laien Justus Jauch.

 

Bei dem erfundenen Professor Kepler habe ich natürlich an einen der größten Geister des zurückliegenden 2. Jahrtausends,

an Johannes Kepler nämlich, gedacht  -  bei dem (natürlich ebenfalls frei erfundenen) Laien Justus Jauch selbstverständlich

an überhaupt niemand Bestimmten.

 

Und damit  -  fangen wir an. Und keine Angst, die beiden unterhalten sich nicht nur.

 

Am Anfang müssen sie sich zwar erst einmal kennenlernen, aber im Verlauf ihrer Bekanntschaft präsentiert der Professor

dann einige schöne Illustrationen (die ersten folgen etwas weiter unten auf dieser Seite).

 

Professor Kepler also kommt gerade vom Einkaufen und will noch kurz in seiner Stammkneipe vorbeischauen,

um sich ein Körnchen zu genehmigen  -  was ihm bestimmt niemand verwehren kann  -, da...

Zur Fortsetzung hier klicken

Aus: Joachim Herrmann "Großes Lexikon der Astronomie"; © 1980 Mosaik Verlag GmbH, München

Zitat 3

Aus: Helmut Zimmermann / Joachim Gürtler "ABC Astronomie"; 9. Auflage; © Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 2008

Zitat 2

Aus: Richard Friedenthal "Goethe - Sein Leben und seine Zeit"; © R. Piper und Co. Verlag, München 1963; Neuausgabe Februar 1982

Zitat 1

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