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Unser merkwürdiger Kalender

Seite 2

Wenden wir uns also den Fragen zu, die wir auf der vorigen Seite Hans Moser rhetorisch stellen ließen:

"Wie können wir feststellen, wann ein Jahr vergangen ist? Wann hat die Erde genau einmal die Sonne umrundet?

Gibt es Ereignisse außerhalb der Erde, astronomische Ereignisse, die uns dies zuverlässig anzeigen?"

 

Die Frage ist keineswegs banal. Schließlich gibt es im Weltraum keine Meilensteine, und die Sonne bewegt sich mit einer Geschwindigkeit

von rund 250 Kilometern pro Sekunde um den Mittelpunkt - um das Massezentrum - unserer Milchstraßengalaxie.

(250 Kilometer pro Sekunde! Das sind also etwa 900.000 Kilometer pro Stunde.) Da sie 750mal schwerer ist als alle anderen Körper

des Sonnensystems zusammengenommen, reißt die Sonne in ihrem Schwerkraft-Schlepptau diese anderen Himmelskörper - Planeten,

Zwergplaneten, Asteroide, Kometen und sonstiges Kleingerümpel -  auf ihrem Weg durch die Galaxis mit sich, so wie ein Düsenjet

im Überschallflug Mücken in seinem Sog mitzieht. Nach einem Tag hat das Sonnensystem bereits 21,6 Millionen Kilometer

und nach einem Jahr schon 7,9 Milliarden Kilometer auf seiner Rennstrecke um das galaktische Zentrum zurückgelegt. Dies ist nach

menschlichen Anschauungen gewiß eine unvorstellbare Distanz: Ein Düsenjet würde 800 Jahre benötigen, um diese Strecke zu überwinden.

In kosmischen Maßstäben indes stellt dies weniger als ein Katzensprung dar; es ist weniger als der tausendste Teil eines Lichtjahres.

 

Wir können uns somit an der Sonne als dem Zentrum unseres Planetensystems orientieren.

 

Stellen wir uns ein Kettenkarussell vor, wie wir es von Jahrmärkten her kennen. Dieses Karussell sei auf der Plattform eines nach allen Seiten hin

offenen Güterwaggons aufgestellt. Der Zug mit diesem Waggon fährt auf seinen Gleisen sehr langsam vorwärts, mit Schrittgeschwindigkeit.

Die Gegend ist völlig flach; die Eisenbahn durchquert momentan eine Steppe. Das Karussell dreht sich bimmelnd um seine Achse. Sie selbst,

geneigter Besucher dieser Website, haben sich auf einem der Sitze festgeschnallt und fahren mit. Die Landschaft wirbelt also scheinbar um Sie herum.

Am fernen Horizont, 6 Kilometer entfernt, steht ein Fernsehturm. Sie wissen nun: Jedesmal, wenn der Fernsehturm hinter der Mittelachse

des Kettenkarussells verschwindet, hat sich Ihr Sitz genau einmal um diese Nabe des Karussells herumgedreht und beginnt eine neue Umrundung.

 

Man wird nun einwenden: Ja, aber da der Zug vorwärts fährt, bewegt sich doch scheinbar auch der Fernsehturm am Horizont entlang, wenngleich auch

langsam (von Ihrer Sicht aus gesehen nach rückwärts, entgegen der Fahrtrichtung). Das stimmt zwar. Aber maßstabsgerecht auf unser Modell übertragen:

Die Mittelachse des Karussells stellt die Sonne dar und der Sitz, auf dem Sie sich um die Achse des Karussells herumdrehen, die Erde; der Fernsehturm

ist einer der allernächsten Sterne. Wenn wir nun annehmen, daß ein Kilometer in unserem Modell einem Lichtjahr in der Wirklichkeit entspricht,

dann bewegt sich der Zug nur um etwa 80 Zentimeter pro Jahr vorwärts - pro Jahr! -, also tatsächlich viel weniger als mit Schrittgeschwindigkeit,

und der Fernsehturm in unserem Modell würde ohnehin nur einen der allernächsten Sterne darstellen. Besonders in Bezug auf viel weiter entfernte Sterne (Fernsehtürme) würde sich deren scheinbare jährliche Verschiebung, die durch die Zugbewegung - weniger als ein Meter vorwärts - zustande kommt,

nur mit hoch ausgefeilten Instrumenten messen lassen. Selbst wenn wir uns in der Wirklichkeit mit annähernd Lichtgeschwindigkeit durch das All

vorwärts bewegen würden - nach dem heutigen Stand der Technik völlig utopisch -, stünden die Sterne um uns herum völlig still  -  die Effekte

in Filmen wie "Star Trek", die wie Schneeflocken am Raumschiff vorbeiziehende Sterne zeigen, sind also purer Unsinn. (Bei einem fast

relativistischen, der Lichtgeschwindigkeit nahekommenden Tempo würden sich den Raumfahrern andere visuelle Effekte zeigen, aber das ist

ein Thema,das nicht hierher gehört.) Übrigens: Wollten wir unser Modell ganz genau maßstabsgetreu gestalten, dürfte sich unser an einer Kette

des Karussells hängender Sitz nur 1,5 Zentimeter von der Mittelachse des Karussells entfernt befinden: Die Distanz Erde - Sonne beträgt nämlich

nur anderthalb Hunderttausendstel eines Lichtjahres.

"Da haben wir uns doch jetzt tatsächlich ein wenig verplaudert. Gnädigste werden aber

einräumen, daß das Bild mit dem Kettenkarussell sehr schön ist, und anschaulich dazu.

Im übrigen neige ich mit Thomas Mann - mein Lieblingsautor, beiläufig gesagt - der Ansicht

zu: Nur das Gründliche ist wahrhaft unterhaltend, net woar. Im Handumdrehen also werde

ich mit der Erläuterung des Kalenders nicht fertig werden. Gnädigste werden sich noch

etwas bis zum Höhepunkt gedulden müssen. Wie lange dauert es überhaupt noch, bis wir

in Davos sind? 7 Stunden? Das wird reichen."

"Wissen'S, es ist nämlich nicht damit getan, daß wir sagen: Es genügt für unseren Kalender

die Festlegung: Ein Jahr, das ist der Zeitraum, den die Erde benötigt, um einmal die Sonne

zu umkreisen. Wie wir an unserem Exempel mit dem Kettenkarussell dargelegt haben,

können wir selbstverständlich registrieren, wann ein solcher Umlauf vollendet ist: Genau dann,

wenn für uns auf der Erde die Sonne wieder vor exakt denselben Sternen steht - respektive,

wenn sie wieder genau dieselben Sterne bedeckt wie vor einem gewissen Zeitraum, vor einem

Jahr nämlich. Gnädigste erinnern sich an das Karussell? Aus unserer Sicht, die wir in unserem Sitz

um die Karussell-Mittelachse wirbeln - und wir dürfen den Kopf dabei natürlich nicht bewegen -

stehen wir still und die Mittelachse bewegt sich vor der Landschaft vorbei, die sich ja scheinbar

um uns herumdreht. Man kann es auch andersherum ausdrücken: Wir schauen unentwegt auf

die Karussellnabe, hinter der die Landschaft vorüberrauscht: Nach einer bestimmten Zeit gerät

der Fernsehturm am Horizont zunächst wieder in unser Blickfeld, verschwindet dann hinter

dem Karussell-Mittelturm, taucht wieder auf: Wir können jetzt mit der Zählung einer neuen

Umrundung unseres Sitzes um den Karussellturm, um die Mittelachse also, beginnen.

 

So ähnlich verhält es sich mit unserer Sonne. Da die Erde sich um sie herumbewegt, scheint

die Sonne sich im Laufe eines Jahres vor der Sternenhimmel-Landschaft vorbeizubewegen oder

aber, eben andersherum ausgedrückt: Die Sonne steht für uns auf der Erde still und die Gestirne

ziehen hinter ihr vorbei. Einige markant helle, gegenseitig am Himmel benachbarte Sterne bilden

Muster  -  jedenfalls für uns Menschen  -, und in diesen Mustern haben vor Jahrtausenden

die Sterndeuter antiker Kulturen Figuren und Gegenstände gesehen, einen Skorpion etwa oder

einen Löwen, eine Waage, einen Himmelsjäger oder einen großen Bären, Stern-'Bilder' eben.

Das menschliche Gehirn weist nun einmal eine Tendenz zur Gestaltwahrnehmung auf, und als ich

die Wolke am Himmel, die vorhin an unserem Zugfenster vorbeigezogen ist, gesehen habe,

schoß es mir durch den Kopf: 'Die sieht ja genauso aus wie der Hut, den Gnädigste passenderweise

auf dem erlauchten Haupte tragen', und ich habe diese Wolke also den 'Großen Hut' genannt.

 

Und nun ist es so, daß die Erde ja die Sonne in einer gleichbleibenden Ebene umkreist:

Stellen Sie sich eine ausgedehnte glatte, runde Tischplatte vor, auf der eine kleine blaue

Billardkugel, nämlich die Erde, ständig im Kreis um eine große gelbe Kugel herumrollt, dann

haben Sie ein schönes Bild von der Erde und der Sonne. Die Tischplatte selbst bleibt natürlich

so fest und ruhig stehen, wie sie ist und kippt nicht etwa willkürlich in der Gegend herum.

Deshalb umrundet die Erde ständig in derselben Ebene die Sonne. Nehmen wir weiter an,

der runde Tisch steht in der Mitte eines leeren Saales. Die Wände, die Decke und der Fußboden

dieses großen Raumes seien schwarz angestrichen. Überall an den Innenseiten dieser Mauern,

an den Wänden also, auch an der Decke und auf dem Fußboden, sind kleine leuchtende Punkte

angebracht, in unregelmäßiger Verteilung, tausende glitzernder Leuchtdioden, die einen mehr,

die anderen weniger hell. Das sind natürlich die fernen Sterne um unser Sonnensystem herum.

Und wenn Sie, Gnädigste, nun vor dem runden Tisch in die Hocke gehen, so daß Ihre Augen

genau auf der Höhe der blauen Kugel auf der Tischplatte sind, und in dieser Stellung langsam

im Kreis um den Tisch herumgehen, genauso schnell, wie diese kleine Kugel um den großen

gelben Ball auf der Tischplatte herumrollt, dann werden Sie bemerken, daß die große gelbe Kugel

immer wieder unterschiedliche Sternmuster an den schwarzen Wänden verdeckt - aus Ihrer Sicht -

aber eben nur diejenigen Muster, die in der (verlängerten) Ebene der Tischplatte an den Wänden

leuchten. Der gelbe Ball, die Sonne, wird niemals vor irgendwelchen Mustern vorüberziehen

(scheinbar vorüberziehen), die am Boden oder an der Decke angebracht sind. Und sie wird

von Umlauf zu Umlauf, von Jahr zu Jahr, dieselben Muster überstreichen.

 

So ist es auch in der Wirklichkeit. Die Sonne 'wandert' im Laufe eines Jahres nur vor denjenigen

Sternbildern vorüber, die in der Ebene liegen, die durch die Umrundung der Erde um die Sonne

gezogen wird. Diese Ebene nennt man die Ebene der 'Ekliptik'. Aber jetzt gestatten Sie, daß ich

erst einmal an meinem Zigarillo ziehe. Der dichte Qualm duftet herrlich, finden Sie nicht auch?"

Gönnen wir Herrn Adlgasser sein Zigarillo.

 

(Herr Adlgasser, so heißt Hans Moser in seiner Rolle in dem Spielfilm "Der Himmel auf Erden", dessen Uraufführung, in Wien nämlich,

in das Jahr 1935 datiert. Herr Adlgasser betreibt das vielbesuchte Wirtshaus "Zum Fassl" - gegründet 1837 - in Salzburg, und er versucht

während einer Zugfahrt genauso engagiert, wie ich das hier darstelle, mit der netten Dame gegenüber ein Gespräch anzubahnen  -  freilich,

im Film redet er wohl nicht über den Kalender, denn das hätte die Zuschauer damals sicherlich weniger interessiert als die tatsächliche

Handlung der Komödie. Übrigens ist Herrn Adlgassers Gasthaus sehr zu empfehlen: Über die "Qualität" einer der angebotenen Speisen

gerät ein Gast im Film derart in Rage, daß er Herrn Adlgasser gar als Herrn "Asselkater" tituliert und das Weite sucht. Dieser Gast wird,

nebenbei bemerkt, von dem Schauspieler Franz Schafheitlin gespielt, der späterhin, rund drei Jahrzehnte nach "Himmel auf Erden", in

der Fernsehserie "Raumpatrouille" den Sir Arthur gemimt hat  -  in "Raumpatrouille", für die sich die Bezeichnung "Raumschiff Orion"

eingebürgert hat und die nun, weitere über fünf Jahrzehnte danach, im zweiten Jahrzehnt des für die Welt von "Der Himmel auf Erden"

noch so fernen Einundzwanzigsten Jahrhunderts, selbst schon längst Kultstatus erreicht hat. Damit hat sich der Kreis geschlossen,

wir sind von den Jahren 1837 über 1935 und 1966 bis zum Jahr 2018 und vom Himmel auf Erden wieder im Weltraum angelangt.)

 

Bevor wir im einzelnen darstellen, was genau der Weltraum mit unserem Kalender zu tun hat, müssen wir eine einfache Frage klären,

die erfahrungsgemäß viele Laien immer wieder verwirrt, und zwar: Was ist damit gemeint, wenn Herr Adlgasser erklärt hat, die Sonne

würde im Laufe eines Jahres vor verschiedenen Sternen  -  und damit vor unterschiedlichen Sternbildern  -  vorüber wandern?

 

Nun, man könnte es auch so formulieren: Die Sonne steht jeden Tag an einer etwas anderen Stelle am irdischen Himmel, vor anderen

Sternen am Himmel nämlich. Das sehen viele Menschen nicht ein. Sie sagen: "Tagsüber ist es hell, und da steht die Sonne überhaupt

nicht vor Sternen, wir sehen jedenfalls keine. Sicherlich, den Mond kann man tagsüber öfters sehen, die Sterne jedoch nicht."

 

Das ist zwar richtig, aber die Sterne sind ja weiterhin da, auch während des Tages (gemeint ist hier der "helle" Tag, nicht der kalendarische

von jeweils 24 Stunden; nachts sind die Sterne ohnehin zu sehen, jedenfalls, solange keine Wolken die Sicht auf sie verdecken). Wir können

tagsüber nur deshalb die Sterne nicht erkennen, weil die Strahlen der gleißenden Sonne in der dichten Erdatmosphäre gestreut werden und

diese damit aufhellen. Anwesend sind die Sterne immer. Wir wollen uns das einmal anschauen: Wir versetzen uns in die britische Hauptstadt,

vor eines der Wahrzeichen Londons, den "Elizabeth Tower" (häufig vereinfacht "Big Ben" genannt) am "Palace of Westminster". Das Datum

ist der 09. Juli 2017, 07:00 Uhr Weltzeit (UTC)  -  hier in London zeigen die Uhren also 08:00 Uhr (Sommerzeit).

 

-  Hinweis: Die folgenden vier Bilder wurden mit Hilfe der PC-Planetariumssoftware "Starry Night Pro Plus 7" von mir gestaltet.  -

Wenn man die Atmosphäre wegzaubern könnte, sähe die Szenerie folgendermaßen aus:

Es ist klar, daß es hier um die Verdeutlichung des Prinzips geht. Natürlich könnten Menschen, wenn die Atmosphäre verschwunden wäre,

nicht in der Gegend herumspazieren, -fahren oder -stehen. Ebenso würde man selbstverständlich auch ohne Atmosphäre geblendet sein,

wenn man, so wie auf dem Bild dargestellt, direkt in Richtung Sonne schauen würde: Man könnte also den Sternenhimmel in Wirklichkeit

nicht so brillant sehen wie auf dem Bild dargestellt, da die Augen sich an die grelle Sonnenstrahlung adaptiert hätten. Das ändert aber,

wie gesagt, am Prinzip nichts: Die Sterne stehen auch am hellen Tag am Himmel, wir können Sie nur nicht unmittelbar wahrnehmen.

 

Im nächsten Bild zoomen wir nun etwas näher an den Himmel heran. Wir erkennen, daß zu dem genannten Zeitpunkt  -  8 Uhr morgens

am 09. Juli 2017  -  die Sonne vor Sternen steht, in denen die Menschen des europäisch-vorderasiatischen Kulturkreises vor einigen

tausend Jahren eine Konstellation namens "Zwillinge", auf lateinisch: "Gemini", erkannt zu haben meinten.

 

Ohne daß man dies wüßte, würde man jedoch wahrscheinlich kaum Menschenzwillinge erkennen. Bei anderen Sternbildern ist dies noch

deutlicher, besser: undeutlicher. Die Konstellation "Zwillinge" kann immerhin zwei helle Sterne, Castor und Pollux  -  eben die "Zwillinge",

"Gemini"  -  aufweisen, die am irdischen Himmel scheinbar dicht nebeneinander stehen. ("Scheinbar" deshalb, weil sie sich in Wirklichkeit

in unterschiedlicher Raumtiefe - Entfernung - von der Erde weg befinden und somit physisch rein gar nichts miteinander zu tun haben.)

Andere Sternbilder sind selbst mit viel Phantasie nicht als diejenigen Figuren oder Gegenstände auszumachen, die sein zu sollen sie

vorgeben. Wir werden dies nachher anhand des Sternbildes "Krebs" sehen.

 

Zunächst nun, wie angekündigt, vergrößern wir einen Himmelsausschnitt unserer vorigen Szenerie:

Wie zu erkennen ist, steht die Sonne also vor einer Sternenkonstellation, deren hellste Gestirne, nach menschlicher Vorstellung aus dem

Altertum, Zwillinge sein sollen: Die mythologischen Zwillingsbrüder Kostor und Polydeukäs nämlich, verewigt am Firmament. Kurz: Von

der Erde aus gesehen steht die Sonne am 09. Juli 2017 vor diesem "Bild" von Sternen, den "Zwillingen": Die Astronomen sagen, sie steht

"in" den "Zwillingen", im Sternbild "Gemini" nämlich.

 

Die hellsten Sterne sind hier mit künstlichen hellblauen Linien verbunden und markieren die eigentliche Konstellation, also die Form,

die "Gestalt" der Zwillinge, die man in der Antike zu erkennen meinte (Erinnern Sie sich an den "Großen Hut" des Herrn Adlgasser:

Tendenz des menschlichen Gehirns zur Gestaltwahrnehmung!). Das gesamte Sternbild aber ist größer und umfaßt die ganze, durch

die dunkelblauen Linien umgrenzte Fläche rund um die Konstellation herum. Diese Grenzen sind ziemlich willkürlich gezogen:

 

Festgelegt von der Internationalen Astronomischen Union und durch internationale Vereinbarungen in den Zwanziger Jahren des

vergangenen Jahrhunderts. Ein Sternbild im astronomischen Sinn ist somit ein durch definierte Grenzen bestimmtes, "abgestecktes"

Gebiet an der "Himmelskugel", welche die Erde zu umgeben scheint  -  ein Gebiet, in dem wiederum eine gewisse Gruppe heller Sterne

liegt, die eine Konstellation, ein "Bild" darstellen sollen. Alle Sternbilder insgesamt fügen sich nahtlos aneinander, wie gekrümmte

Puzzlesteine, die ineinandergefügt zur gesamten "Himmelskugel" zusammengesetzt sind. Es existieren 88 Sternbilder, welche jeweils

unterschiedlich große Flächen am Himmelsgewölbe überdecken: Das flächenmäßig ausgedehnteste Sternbild ist die "Nördliche

Wasserschlange" (lateinisch: "Hydra"), das kleinste das "Kreuz des Südens" ("Crux").

 

Interessant ist die grüne Linie, welche sich durch das Firmament zieht: Es ist die Ekliptik, diejenige Ebene, in der unsere Erde um

die Sonne herumrollt: Denken Sie hier an das Beispiel Herrn Adlgassers vom Billardtisch. Warum interessant? Nun:

 

Die Menschen sind ja von alters her gewohnt, den irdischen Horizont als Bezugslinie ihres Standortes anzusehen, instinktiv im

wahrsten Sinne des Wortes. Was wäre natürlicher? Wenn man auf der Erde steht, weisen die Beine senkrecht auf den Erdboden,

zeigen mit dem gesamten Körper auf den Erdmittelpunkt, der Horizont bildet eine 90Grad-Linie dazu.

 

Aber die Ekliptik weist nun einen umfassenderen Bezugsrahmen auf, eine tiefere Perspektive. Alle Planeten umkreisen die Sonne ja

in annähernd derselben Ebene, zwei Planeten davon innerhalb der Erdbahn (Merkur und Venus), die anderen außerhalb, weiter von

der Sonne entfernt als die Erde. Denken Sie sich in obigem Bild die Gebäude weg, alle Gegenstände und Menschen, denken Sie sich

den Horizont weg, den Erdboden, die Erde selbst. Sie schweben jetzt frei im Weltraum, an der Stelle der Erde. Denken Sie sich von

der grünen Linie, der Ekliptik, eine Ebene direkt zu ihren Augen. Und jetzt werden Sie sich selbstverständlich im freien Weltraum

dergestalt drehen, daß die Ekliptik nicht mehr, so wie in der obigen Graphik (die ja die Ansicht von der Erdoberfläche wiedergibt),

"schief" steht, sondern Sie werden sich derart ausrichten, daß die Ekliptik zu ihrem eigenem Körper eine waagerechte Linie bildet.

Und nun haben Sie eine neue Bezugsfläche gewonnen, eine universellere als Ihnen die Erdoberfläche und der Horizont bieten, eine

ausgedehntere, weitreichendere: Eine gerade Ansicht der Umlaufebene der Planeten des Sonnensystems  nämlich  -  ja, Sie stehen

nun in ihrer neugewonnenen Raumlage senkrecht auf der Ebene des Sonnensystems, als stünden sie auf unseres Herrn Adlgassers

Platte eines kosmischen Billardtisches, einer riesigen Platte allerdings, die sich schier ins Unendliche erstreckt!

 

Daß die Ekliptik in obigem Bild gekippt am Himmel daherläuft, hat ja nur damit zu tun, daß Sie selbst auf einer Kugel stehen, auf

der Erde, und quasi schief in das All hinausschauen (im Beispiel Londons eben vom 52. nördlichen Breitengrad aus). Und dazu kommt

noch, daß die Drehachse der Erde selbst nicht senkrecht auf der Ekliptik steht, sondern um 23,5 Grad zu dieser Senkrechten geneigt

ist. Es ist somit schwierig, sich auf der Erdoberfläche vom dortigen überwältigenden Augenschein und der  -  gravitationsbedingt als

"richtig" gefühlten  -  Ausrichtung seines Körpers zu lösen und eine umfassendere, kosmische Perspektive zu gewinnen, wie man sie

hätte, wenn man sich im freien Weltall befinden würde, ohne daß die Hälfte des Himmels von der Erde verdeckt wäre.

Zurück zur Erde. Spulen wir nunmehr die Zeit vor: Das folgende Bild zeigt uns, wo die Sonne steht, wenn wir uns am selben Platz

in London zwei Wochen später aufhalten, genau zur selben Uhrzeit. Wir schreiben den 24. Juli 2017, 08:00 Uhr.

Die Sonne ist inzwischen scheinbar, nämlich von der Erde aus betrachtet, in das Sternbild "Krebs"gewandert. (Hier sehen wir jetzt

im übrigen, wie oben angekündigt, daß man an dieser Konstellation nur mit viel Phantasie und Beliebigkeit einen Krebs erkennen kann.

Genausogut hätte man das Sternbild "Astgabel" oder "Trichter" nennen können. Nun gut.)

 

Wir wollen uns noch einmal vergegenwärtigen: Die Sonne selbst ist nicht in diese Sternenkonstellation "gewandert". Das erscheint nur

von der Erde aus gesehen so: Denn die Erde hat sich im Laufe von 15 Tagen ein Stück weiter um die Sonne herumbewegt, und wir blicken

jetzt aus einer anderen Perspektive auf unser Zentralgestirn und den dahinterliegenden Sternenhimmel.

Aus dem Weltraum betrachtet sieht dies aus wie auf den folgenden Graphiken gezeigt. Wir stehen oberhalb des Nordpols des Planeten Erde

und schauen schräg auf das Sonnensystem herab (nur Sonne und Erde sind gezeigt, nicht die anderen Planeten).

 

Im ersten Bild ist die Ebene der Ekliptik als ockerfarbene Fläche dargestellt: das ist Herrn Adlgassers Billardtisch. Die orangefarbige Linie

um die Ebene herum ist die Ekliptik, wie wir sie auf den obigen Ansichten des Londoner Himmels als grüne Gerade  -  quer durch den Himmel

laufend  -  gesehen haben. Wir erkennen, daß, aus der irdischen Perspektive betrachtet, die Sonne einmal im Laufe des Jahres scheinbar um

die Ekliptik herumläuft; oder anders ausgedrückt: die Bahn der Sonne im Laufe eines Jahres über den irdischen Sternenhimmel bildet die

imaginäre Linie der Ekliptik am Firmament.  Diese Linie läuft nur durch bestimmte Sternbilder, da die Erde ja stetig in derselben Ebene um

die Sonne kreist und nicht unterschiedlich-wahllos um das Zentralgestirn herumwirbelt wie ein Elektron um den Atomkern. Da viele (jedoch

nicht alle) dieser Sternbilder Namen von Tieren tragen  -  zum Beispiel "Widder", "Krebs", "Löwe", "Fische"  -  nennt man die Linie der Ekliptik

auch den "Tierkreis". Auf der Graphik sehen wir zudem eine weiße Linie um die blaue Erdkugel, den Erdäquator darstellend, und zudem einen

hellblauen "Stab" durch die Erde gesteckt: die Erdachse, also die Drehachse unseres Planeten.

 

Die Ekliptik am irdischen Himmel ist von den Menschen des Altertums in 12 Abschnitte unterteilt worden: hier als angeschnittenes weiß-rotes

Band präsentiert und, unserem Standort gegenüberliegend, mit Gradzahlen gekennzeichnet. Natürlich sind weder die Erdachse noch die Ebene

der Ekliptik in Wirklichkeit mit Augen wahrzunehmen; die Ekliptik ist eben eine imaginäre Ebene, gezogen durch den Erdumlauf um die Sonne

im Laufe eines Jahres. Die beiden blauen Pfeile auf dem Bild markieren die Richtung dieser Erdwanderung um das Zentralgestirn. Wenn wir

den irdischen Nordpol als "oben" bestimmen, läuft unser Planet entgegen des Uhrzeigersinnes auf der Ekliptikebene um die Sonne.

 

Im darauf folgenden Bild habe ich die Darstellung der Ekliptikebene dann weggelassen.

Der grüne Pfeil auf dem nächsten Bild zeigt die Blickrichtung von der Erde zur Sonne zum Zeitpunkt des Frühlingsanfangs auf der Nordhalbkugel

(entweder am 20. oder 21. März, selten am 19. März); der violette Pfeil die Blickrichtung einen Monat später: Die Sonne hat sich dann um 30 Grad weiter

entlang der Ekliptik bewegt  -  scheinbar bewegt selbstverständlich, wir auf der Erde befinden uns eben in der Rolle der Karussellfahrer Herrn Adlgassers.

Hier auf der Erde sehen wir die Sonne zum Frühlingsbeginn dort am Himmel, wo ich den grünen Kreis (1) eingezeichnet habe, einen Monat danach sehen

wir sie an der Stelle des violetten Kreises (2). Der Himmelsäquator ist die gedachte Verlängerung des Erdäquators an die irdische Himmelssphäre.

Wenn wir nicht mehr schräg, sondern genau senkrecht auf die Ebene der Ekliptik blicken, sieht die in den beiden vorherigen Graphiken

gezeigte Szenerie aus wie in der folgenden Illustration. Sehr deutlich ist zu erkennen, daß sich die Schrägstellung der Erdachse im Raum

während der Bewegung der Erde um die Sonne nicht ändert  -  jedenfalls nicht merklich ändert, wir kommen später darauf zurück. Und

deshalb bestehen auf der Erde im Laufe eines Jahres (außer in den Äquatorregionen) unterschiedliche Einstrahlungswinkel des Sonnenlichtes,

mithin jeweils ungleichartige Beleuchtungsverhältnisse, unterschiedliche Jahreszeiten.

Vergrößern wir das Bild der Erde, so wie sie am 20. / 21. März relativ zur Sonne steht, wird sofort klar,

warum zum Frühlingsanfang überall auf dem Planeten Tag- und Nachtgleiche herrscht und diesem Zeitpunkt,

den man präzise definieren kann  -  und von dem an auf der Nordhalbkugel an jedem kommenden Tag die hellen

Perioden wieder länger werden, bis zum Sommeranfang  -  eine überragende Bedeutung zukommt: Er ist nichts anderes

als der von Herrn Adlgasser für den Kalender als so wichtig ersehnte Zeitpunkt (siehe vorherige Seite):

"Nehmen wir einmal an, es würde sich einmal im Jahr, und nur einmal, ein astronomisches Ereignis ereignen, das wir auf der Erde gut beobachten können,

etwa das kurze, helle Aufblitzen eines Sterns. Und genau dann, wenn die Erde auf ihrer Bahn die Sonne einmal umlaufen hat, blitzt der Stern wieder auf."

Der weiße Kreisausschnitt zeigt den Erdäquator, der dunkelblaue Kreis den 50. nördlichen Breitengrad, ungefähr auf dem

etwa Berlin und London liegen. Man kann sehr schön erkennen, daß sich am Frühlingsanfang beispielsweise Berlin im Laufe

einer Drehung der Erde um ihre Achse einen genau gleich langen Zeitabschnitt durch den Tag und durch die Nacht bewegt;

es herrscht, wie überall auf dem Planeten (Nord- und Südpol sowie deren unmittelbare Umgebung, genau gesagt, etwas

ausgenommen) Tag- und Nachtgleiche, Äquinoktium. Auf der Südhalbkugel beginnt der Herbst, im Norden der Frühling.

Fortsetzung folgt...

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