SEITE  WISSENSCHAFT > UNSER MERKWÜRDIGER KALENDER 1

  <  zurück

Unser merkwürdiger Kalender

Seite 1

"Also, Gnädigste, ich muß Ihnen gestehen: Mein größtes Steckenpferd ist ja der Kalender.

Wissen Sie beispielsweise, warum es Schaltjahre gibt? Und was der Unterschied ist

zwischen dem Julianischen und dem Gregorianischen Kalender? Papst Gregor der Dreizehnte

war ja überhaupt ein sehr interessanter Mann... Ich sehe schon: Gnädigste sind sehr gespannt,

all diese Einzelheiten zu erfahren. Beginnen wir daher ganz am Anfang, net woar..."

Wenn wir ganz am Anfang anfangen wollen mit der Beschreibung unseres Kalenders, so wie wir es hier Hans Moser in den Mund legen

(alle Filmausschnitte auf diesen Seiten über den Kalender sind Standbilder aus dem wunderbaren Streifen "Der Himmel auf Erden";

Hans Moser zusammen mit der ebenfalls großartigen und unvergessenen Adele Sandrock)  -

 

dann wäre es schön, Graphiken zur Hand zu haben, die alle Zusammenhänge besser verstehbar machen.

 

Bitte sehr, die Visualisierungen folgen auf dem Fuß.

 

Wir gehen von der natürlichen "Organisationseinheit" des Kalenders aus, nämlich einem Tag. Ein Tag war für die Menschen der Urzeit zunächst einmal

der "helle Tag", der Zeitpunkt von Morgendämmerung und folgendem Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang und folgender Abenddämmerung in etwa.

Die frühen Zivilisationen, im europäisch-nordafrikanischen Kulturraum die Ägypter und die Babylonier, erkannten nun sehr schnell, daß in einem Zeitraum,

den wir 24 Stunden nennen, sich gewisse, mit der scheinbaren Drehung des Himmelsgewölbes zusammenhängende Ereignisse streng wiederholten

und man so jene Zeitperiode definieren konnte, die wir heute in astronomischem Sinne als "Tag" bezeichnen, eben einen Zeitraum von 24 Stunden:

von Mittag zu Mittag oder von Mitternacht zu Mitternacht beispielsweise. "Tag" in den nachstehenden Bildern ist in letzterem Sinne gemeint.

 

Für diejenigen, die es genau wissen wollen: Der astronomische Begriff "Tag"wird heute, präzise ausgedrückt, wie folgt definiert:

Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden oberen Kulminationen des Frühlingspunktes (Sterntag) oder aber der Zeitraum zwischen zwei unteren Kulminationen

der Sonne (Sonnentag). Ein Sterntag ist um 3 Minuten 55,91 Sekunden kürzer als der - mittlere - Sonnentag. Auf der Seite "Einführung in die Astronomie"

dieser Website werden wir die vorgenannten Begriffe "Sterntag", "Sonnentag" und ähnliche Bezeichnungen näher erläutern und graphisch darstellen.

Auf diesen Einführungsseiten zum Kalender hier wird immer vom Sonnentag ausgegangen. (Um Verwechslungen vorzubeugen: Mit "Sonnentag" ist nicht

der "helle Tag" gemeint, sondern der astronomische Tag, genau 24 Stunden eben. Zum "hellen Tag" - Morgen- bis Abenddämmerung -  noch eine Anmerkung:

Dessen Länge ist von der geographischen Breite des Beobachtungsortes auf der Erde und von den Jahreszeiten abhängig. Am Äquator sind alle hellen Tage

 genau gleich lang, in Mitteleuropa sind im Juni die Tage sehr lang, die Nächte entsprechend kurz, und im Dezember ist es hier genau umgekehrt.)

"Gnädigste werden nun entgegnen: 'Gewiß, das ist mir ja alles bekannt! Selbstverständlich weiß ich,

daß das Jahr ein Zeitmaß darstellt. Es ist derjenige Zeitraum, in dem die Erde sich einmal auf ihrer Umlaufbahn um die Sonne herumbewegt. Und da der Umfang dieser Erdumlaufbahn immerhin eine Stecke

von rund 940 Millionen Kilometern darstellt, und da die Erde sich mit durchschnittlich 29,8 Kilometern

pro Sekunde auf ihrem Sonnenorbit vorwärtsbewegt, was 107.300 Kilometern pro Stunde entspricht,

dauert es eben 8.765,75 Stunden, bis sie auf dieser Strecke einmal um die Sonne herumgefahren ist.

Und, werden Gnädigste hinzufügen, mir ist ebenso bekannt, daß der Tag ebenfalls ein Zeitmaß ist.

Ein Tag ist derjenige Zeitraum, in dem die Erde als Kugel sich einmal um ihre eigene Achse dreht - also

beispielsweise die Zeit von Mitternacht zu Mitternacht oder von Mittag zu Mittag - das sind jeweils

24 Stunden. Und diese zwei Zeitmaße, ein Jahr einerseits und volle Tage andererseits, gehen nicht

säuberlich ineinander auf. Schließlich haben die Längen dieser beiden Zeitperioden, die Drehung der Erde um ihre Achse sowie die Zeit, in der die Erde einmal um die Sonne läuft, nichts miteinander zu tun.

Bei anderen Planeten ist das ja noch extremer. Die Venus etwa braucht 225 Erdentage, um einmal um die Sonne zu kreisen, aber von Mittag zu Mittag oder von Mitternacht zu Mitternacht dauert es dort

117 Erdentage. Ein Venusjahr - 225 Erdentage - umfaßt also nicht einmal zwei ganze Venustage.

Das weiß ich ja, wie gesagt, werden Sie sagen. Aber was bedeutet das nun eigentlich für den Kalender? Oder besser gesagt, was würde das bedeuten, wenn wir einen Kalender zu erfinden hätten, etwa weil

wir noch keinen hätten? Und wozu braucht man überhaupt einen Kalender?"

"Nun, schauen Sie, ein Kalender ist gar nicht so unwichtig, wie Sie vielleicht meinen. Es geht allerdings

nicht in erster Linie darum, etwa eine Reihe von Jahren abzuzählen, um zu wissen: vor 500 Jahren hat König Heinrich der Kanaldeckel gelebt oder Katharina die Wilde Susi. Nun, unbestreitbar, für

die Geschichtsschreibung ist das schon auch von Bedeutung, aber früher, als die Menschen das Bedürfnis hatten, einen Kalender an der Hand zu haben, war es ihnen in erster Linie darum zu tun, regelmäßig wiederkehrende Ereignisse zu datieren, sie gewissermaßen 'festzunageln'. Nehmen wir die Alten Ägypter.

Die haben ihre Chronologie in der Regel immer wieder bei einem neuen Pharao neu angefangen.

Sie wußten also zur Zeit Ramses' des Großen überhaupt nicht: Vor zweitausend Jahren hat Chufu gelebt,

der eine dieser riesigen Pyramiden gebaut hat (und den wir, wir Gnädigste sicherlich wissen, heutzutage

als 'Cheops' bezeichnen). Nein, die Ägypter wollten wissen: Wann kommt denn die nächste große Nilflut?

Das war lebenswichtig für sie. Das hat ihren Lebensrhythmus des Säens und Erntens bestimmt.

Sie wußten schon aus eigenen Beobachtungen und Überlieferungen: in etwa regelmäßigen Abständen steigt der Nil über die Ufer. Wieviel Sonnenauf- und untergänge, also: wieviele Tage liegen zwischen

zwei dieser Ereignisse? Also generell: Kann man aus der Aufeinanderfolge von Geschehnissen

eine Periodizität herleiten?

 

Man stellt fest: Viele der für die Menschen in ihren alltäglichen Umwelt- und Lebensbedingungen

wichtigen Ereignisse hängen mit der Umdrehung der Erde um die Sonne zusammen, mit den Jahreszeiten,

die sich aus der Schrägstellung der Erdachse gegenüber der Ebene der Umlaufbahn ergeben. Im Frühling oder Frühsommer wird gesät, im Herbst geerntet usw. Es ist also hilfreich, eine Liste zu haben,

die uns mitteilen kann: Nach soundsovielen Tagen wiederholt sich ein bestimmtes Ereignis, wiederholen

sich Jahreszeiten in ihrem generellen Rhythmus. Es zeigt sich nun, daß es am besten ist, wenn wir zwei generelle Gegebenheiten, wie wir sie auf der Erde eben vorfinden, als Grundlage für eine solche Liste, einen Kalender eben, nehmen: den Tag und das Jahr. Einige Völker zwar, das will ich nicht unerwähnt lassen, haben sich von demjenigen Himmelskörper, der uns am nächsten steht und viele Nächte hell

und überwältigend am Erdenhimmel leuchtet, quasi verwirren lassen, vom Mond also, und haben

einen Mondkalender konstruiert. Aber sie haben sich dadurch gar keinen Gefallen getan, wenn ich

einmal so sagen darf, denn die Umdrehung des Mondes um die Erde hat nun astronomisch nichts

mit einem irdischen Tag oder einem Jahr zu tun und ist von diesen Abläufen völlig unabhängig,

wenngleich der Mond natürlich einen Einfluß auf die Tageslänge ausübt, einen sehr langfristigen

allerdings. Kurzum, Mondkalender sind hanebüchen kompliziert - wir bleiben bei unserer Festlegung

und nehmen den Tag und das Jahr als Grundlage unseres Kalenders. Da kommen wir jetzt zu unserem Problem: Wie können wir feststellen, wann ein Jahr vergangen ist? Wann hat die Erde genau einmal

die Sonne umrundet? Gibt es Ereignisse außerhalb der Erde, astronomische Ereignisse, die uns dies zuverlässig anzeigen? Nehmen wir, als Beispiel, einmal an: Es würde sich einmal im Jahr, und

nur einmal, ein astronomisches Ereignis ereignen, das wir auf der Erde gut beobachten können,

etwa das kurze, helle Aufblitzen eines Sterns. Und genau dann, wenn die Erde auf ihrer Bahn die Sonne einmal umlaufen hat, blitzt der Stern wieder auf. Nehmen wir weiter an, wir beide würden uns verabreden:

Jedes Jahr, wenn der Stern aufblitzt, treffen wir uns am Bahnhof in Lindenau zu einem Stelldichein."

Zur Fortsetzung hier klicken

©    2018  A. Heidel - heidel2001.eu